das halbe hähnchen.

*uaaaah*, und da ist die nächste folge dieser kolumne im sz-magazin, und ich kann die finger nicht mehr still halten. das ist ja das schöne, wenn eine antiautoritär ist: dann kann sie sich ja auch selbst erlauben dort, wo es eigentlich ums kind geht, einfach auch mal was über mutterschaft zu schreiben. jedenfalls kann sie es sich nicht verbieten, schätze ich. und jetzt halte ich dieses geheule nicht mehr aus, es reicht.
das sz-magazin hat eine neue kolumne; „die teilzeit-mutter“ heißt sie. und ja, ich habe die kolumne gelesen, weil ich selbst in ähnlicher situation bin wie die autorin lisa frieda cossham. oder eben ganz und gar nicht.
die autorin hat sich vom partner getrennt. nach einem den leserInnen nach wie vor ziemlich unklaren prinzip (ich vermute: im wochenwechsel) teilt sie sich die fürsorgearbeit mit dem kindsvater. so weit so unspektakulär, sollte man meinen, aber vielleicht kein schlechter abgleich zu den eigenen trennungsbefindlichkeiten.
wer sich interessante einblicke in das leben einer mehr oder weniger frisch getrennten mutter erhofft hat, wird allerdings enttäuscht. und wer gar schon mal ein bißchen vorfühlen wollte, wie das wohl werden wird, weil die eigene trennung absehbar ist, wer also auf der suche nach vielleicht nicht positiven, aber zumindest akzeptablen perspektiven nach der trennung ist, wird danach lieber „schneller schmerzloser tod“ googeln wollen. in der hauptsache erfahren wir nämlich:

1. wie eine richtige mutter zu sein hat
denn nach eigenen angaben ist die autorin nur „halbe mutter“. dabei leidet sie keineswegs an irgendeiner tragischen amnesie, die verhindert, dass sie sich ihrer mutterschaft erinnert, kaum dass die kinder aus ihrem blickfeld sind. nein, im gegenteil möchte sie alles wissen, am besten noch, wann welches kind welchen atemzug tut. „die verlorene hälfte lebenszeit rekonstruieren“ nennt sie das, jenseits der tatsache, dass es auch so was gibt wie schule, freundInnen, hobbies, bei denen die kinder ja nun auch tun, was sie wollen. (und: privatsphäre, übrigens.) außerdem: verloren für wen? das ist doch die lebenszeit der kinder, und die haben sie doch gehabt. oder ersetzt das leben ihrer kinder ihr eigenes? sie schämt sich jedenfalls, wenn ihr einfällt, dass sie nicht weiß, was ihre kinder gerade machen. obsessiv darf man das wohl nennen. man kann sich leicht ausrechnen, was von so einer halben mutter überhaupt noch übrig bleibt, wenn die kinder dann eines tages sogar ganz ausziehen.
„Ich habe Angst, ich könnte eines Tages in der gleichen Bahn sitzen [wie meine kinder], sie zufällig treffen. Ich würde sie begrüßen, und dann müsste ich vor den anderen Fahrgästen fragen, was doch jede Mutter eigentlich weiß: was ihre Kinder da machen.“ jede mutter, nämlich. mütter von teenagern zählen offensichtlich eh schon nicht mehr; denen passiert das regelmäßig. väter zählen ohnehin ganz und gar nicht – dass ein vater abends klassisch von der arbeit kommt und keine ahnung hat, was seine kinder den ganzen tag gemacht haben, gilt vielleicht als abgemacht. und natürlich gelten auch alle anderen mütter nicht, die sich die sorgearbeit mit dem getrennt lebenden kindsvater in irgendeiner art und weise teilen. sind ja auch nur über anderthalb millionen haushalte allein in deutschland, in denen kinder getrennter eltern leben. selbst wenn wir davon ausgehen, dass es darunter zahlreiche fälle gibt, bei denen sich ein elternteil überhaupt nicht mehr für die kinder verantwortlich fühlt – mithin die kinder nie bei bzw. mit dem anderen elternteil sind – bleiben da doch schon ganz schön viele frauen übrig, denen das passieren könnte – die das „eigentlich“ eben nicht wissen. I don’t see the drama in das ganze. ätzend wird es nur, wenn eine solche behauptung – „eine mutter weiß das eigentlich“ – nicht nur der halben autorin, pardon, mutter, sondern einer siebenstelligen zahl anderer frauen abspricht, eine „richtige mutter“ zu sein.

2. wie eine nicht-richtige mutter sich rund um die uhr fühlt
nämlich: leer und verlassen. jeder handgriff ist auf einmal bedeutungsschwer, weil die kinder weg sind. sie liebt auf einmal so einen mist wie elternabende, weil sie sie „ihren kindern nah sein lassen“, weil sie sich in den klassenzimmern „vergewissern kann“, dass sie „ihre mutter ist“. vielleicht sollte sie es sich irgendwo auf einen zettel schreiben, falls sie so vergesslich ist. dann könnte sie sich zumindest die elternabende sparen.
die halbmutter kriegt auch schmerzen, wenn die kinder auf einmal kürzere haare haben, und sie davon überrascht wird. ich für meinen teil bin immer erleichtert, wenn mein ex den friseurbesuch übernimmt; mir fehlen keine tiefsinnigen gespräche mit dem kind über haarlängen, aber vielleicht bin ja auch ich die komische. denn so wie es sie emotional auch eiskalt erwischt, wenn die kinder über andere kinder sprechen, deren namen sie noch nie gehört hat, würde ich mir bei manchen wünschen, ihre namen nie wieder hören zu müssen.

3. was eine nicht-richtige mutter nie hat
nämlich: spaß. ich weiß nicht, woher lisa frieda cossham eigentlich die zeit nimmt, hinter den kindern her zu heulen, bis sie sie das nächste mal sieht. ich für meinen teil bin in meiner kinderlosen zeit so sehr mit sachen – darunter: viele schöne – beschäftigt, die ich auch nur in dieser zeit machen kann, dass ich dafür gar nicht die zeit finden würde. wann soll ich denn bitte zwischen verabredungen, im netz stromern, putzen, ausschlafen, einkaufen, lesen, cocktailbars, musik, schreiben, lang arbeiten, bier öffnen oder serien gucken noch wehmütig auf leere betten starren oder mit tränen in den augen an gebrauchter kleidung schnüffeln?

ja, ich weiß, das liest sich alles garstig. die arme frau. dabei hätte ich gar nichts dagegen, wenn jemand so etwas schreibt mit einer haltung „verdammt, ich hab mich getrennt, und ich komme gar nicht klar, ich hab probleme, ich brauche hilfe“. mit einer haltung, die raum lässt für ihre erkenntnis, dass sie vielleicht auch ganz schön viel kinderthema projiziert in die leere, die eben nun mal da ist, wenn man so mitten im leben seinen lebensplan umschmeißen und neu stricken muss. dann könnte ich so was viel besser ertragen. so liest es sich aber nicht. es liest sich als „das ist eben, was frauen blüht, die sich trotz kindern trennen“.

liebe frauen, die ihr vielleicht auf der suche nach ogottogott-wir-werden-uns-trennen-mein-leben-ist-vorbei erst auf die kolumne, dann auf das hier gestoßen seid: trennung ist nicht lustig. sich daran zu gewöhnen, nicht mehr mit dem kind / den kindern jeden (all)tag zu teilen ist hart. und trotzdem ist es (vermutlich oder hoffentlich…) für die meisten nicht dieses unendlich öde jammertal, als das es die „teilzeit-mutter“ verkauft. für mich ist es das jedenfalls nicht. es bringt auch vorteile, wenn ihr euch nicht den kopf vollstopft mit „was ich für eine mutter sein sollte und was ich für eine bin“. trennungen sind nicht schön, aber sie passieren. auch einer „richtigen“ mutter. ihr werdet nicht automatisch nach einer trennung zur halben portion. und euer kind kann es auch gut haben, wenn ihr gerade nicht dabei seid. es kann tatsächlich auch mächtig spaß mit seinem vater haben und euch überhaupt nicht vermissen. das ist prima. und es macht für das kind überhaupt keinen unterschied, ob ihr euch in eurer (oder seiner) abwesenheit die augen aus dem kopf heult, oder ob ihr die beine hochlegt und mit einer freundin vier folgen „the wire“ am stück schaut und dabei pizza aufs sofa schmiert. außer vielleicht den, dass eine mutter, die gelegentlich spaß hat, angenehmer zu haben ist als eine mutter, die sich den ganzen tag mit ihren schuldgefühlen unterhält.

Advertisements

~ von superjule - Juli 31, 2015.

4 Antworten to “das halbe hähnchen.”

  1. Sie sprechen mir aus der Seele. Dank eines Newsfeeds leide ich nun schon seit vielen Folgen der Kolumne mit und hoffe jedes Mal, dass die Autorin ein trauriger Einzelfall ist. 🙂

  2. Was ich nicht verstehe, ist, dass man da einer Frau noch an die Kandarre fahren will, die offensichtlich eben _doch_ Probleme mit dieser Situation hat und ihre emotionalen und realen Reaktionen schildert. Warum sollte das ein Einzelfall sein? Und warum muss man dieser Frau dann so mit Gehässigkeit anworten? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Oder weil man wirklich absolut kein Verständnis hat und dieser Frau erklären will, wie sie sich zu fühlen hat/ dass sie vorher hätte überlegen sollen/ dass sie aufhören soll, ihre Gefühle zu veröffentlichen?

    • ich habe ja versucht, es zu erklären: weil die kolumne eben nicht versucht, einen bedauernswerten einzelfall darzustellen, sondern weil im gegenteil die autorin nicht nur nicht sagt, dass sie ein individuelles problem hat, sondern ihren zustand im gegenteil versucht zur norm zu deuten.

  3. Also ich komm mit der Kolumne gut klar. Frau Cossham schreibt einfach über sich. So geht es ihr mit der Trennung, fertig. Da wird nirgends ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit gestellt. Das ist ein Einblick in ihr ganz individuelles Gefühlsleben. Wer es anders empfindet und lebt und wen es nicht interessiert, einfach „NICHT LESEN“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s