wenn man trotzdem lacht.

vor einiger zeit ärgerte ich mich bereits über einen fleißig geteilten beitrag in sozialen netzwerken. und wie das im netz so ist: da ist ärger eben nie vorbei, weil jede sau – in diesem fall: jedes video – immer mal wieder durchs dorf getrieben wird. dieses video wird sowohl von denen, die es teilen, als auch von denen, die es kommentieren, ziemlich abgefeiert. und dabei sind das in der regel eigentlich keine leute, die sich über den umgang mit kindern noch nie gedanken gemacht haben. um dieses video geht es:

ein kind, geschätzte maximal drei jahre alt, fährt einem (fremden) erwachsenen an der supermarktkasse mit dem einkaufswagen in die hacken. der erwachsene (nicht ganz im bild) sagt dem kind offensichtlich, es solle damit aufhören. das kind lacht, macht weiter, immer mit blick auf den erwachsenen. der erwachsene nimmt eine milch aus dem einkaufswagen und kippt sie über das kind. die mutter des kindes mischt sich zu keinem zeitpunkt ein. ende der geschichte.

die kommentare dazu im netz sind erstaunlich. ich präzisiere: erstaunlich fände ich sie nicht in anderer leuts filterbubble; ich finde sie erstaunlich in meinem umfeld. da, wo man denkt, eine ohrfeige habe noch niemandem geschadet, würde ich mich nicht wundern. dort wo ich sie lese, offenbaren sie einen überraschenden mangel an, ja was? empathie (in diesem zusammenhang besonders ironisch)? grob lassen sich die kommentare wie folgt sortieren:

1. „geschieht ihm recht“. „kleine mistkröten sind kleine mistkröten“. „karma, baby.“ „super typ“.
diese kommentare könnten sinn machen. denken wir uns die situation mit einem nervigen erwachsenen, am besten zwei meter groß und breit, der dem anderen erwachsenen mehrfach in die hacken fährt. was übrigens nicht selten passiert. und der super typ kippt ihm ungerührt dafür milch über den kopf. geschieht ihm recht, und ist von dem milchkipper eine gelungene, gar mutige aktion. hier geht es aber um ein kind, maximal drei jahre alt. selbst wenn sich die entwicklungspsychologie noch uneinig ist, ab wann so etwas wie empathie beginnt, sich zu entwickeln (die einschätzung von piaget, vor dem fünften lebensjahr sei da nichts zu erwarten, ist wohl in ihrer absolutheit inzwischen widerlegt): dass empathie, und damit die fähigkeit, zu verstehen, was man anderen mit einer handlung antut, etwas ist, das sich entwickeln muss und das bestimmte voraussetzungen braucht, ist inzwischen unstrittig. das kind ist keine besondere mistkröte, es hat nix „verdient“; das kind ist genau so, wie kinder in dem alter sind: es sucht nach grenzen, es wählt merkwürdige wege der kontaktaufnahme, es /kann/ noch nicht vollumfänglich begreifen, was es da tut. nicht, weil es nicht will; nicht weil seine mutter bislang unfähig war, sondern weil es noch klein ist und lernt. geschieht ihm recht, die milch über dem kopf, die nassen klamotten und die öffentliche demütigung – was ist es auch so klein und unfertig? super typ, der sich gegen jemanden, der noch nicht mal halb so groß ist, nicht anders zu helfen weiß, als seine überlegenheit so auszuspielen? well…

2. „antiautoritäre erziehung muss ihre grenzen haben“. „am schlimmsten die leute, die so eine erziehung verbrochen haben“.
dass hier natürlich wieder der dummsinn auftaucht, antiautoritäre erziehung bedeute, kinder dürften tun und lassen, was immer sie wollten – damit ist zu rechnen. vermutlich googeln die leute noch nicht mal „antiautoritär“, bevor sie wissen was es ist und eine dezidierte meinung dazu haben – egal. warum die mutter unbeteiligt danebensteht, lässt sich in dem video nicht ausmachen, da ihr gesicht nicht zu sehen ist. vielleicht ist sie im gespräch mit jemandem außerhalb des bildes, vielleicht schaut sie irgendwo anders hin, vielleicht ist sie in gedanken versunken, die wir alle nicht kennen, vielleicht ist sie überfordert, vielleicht ist sie auch einfach ignorant. ich weiß es nicht. die kommentatorInnen wissen es natürlich alle. die frau ist unfähig. was man ja schon allein daran merkt, wie sich ihr kind benimmt. ein „gut erzogenes kind“ tut so was natürlich nicht – entwicklungspsychologische erkenntnisse hin oder her. ein kind hat zu funktionieren, am besten ab tag 1, und funktionieren bedeutet: nicht stören. nicht auffallen. nicht nerven. und selbstverständlich haben alle, die kommentieren, funktionierende kinder. oder hätten welche. oder waren zumindest welche.
tja, die mutter. ich denke auch, ich hätte mich an ihrer stelle vermutlich eingemischt. wenn ich es gemerkt hätte, natürlich. wenn ich nicht, s.o., vielleicht woanders hingesehen hätte, mich unterhalten hätte. oder in gedanken versunken gewesen wäre. vielleicht ist mein vater gestern gestorben, vielleicht habe ich mich gerade schlimm mit meinem partner gestritten. vielleicht bin ich gerade doppelbelastet extrem gestresst und bin froh, wenn ich diesen einkauf mit kind, der ohnehin jedes mal aufreibend ist, einfach nur irgendwie hinter mich bringe. aber eine mutter hat zu funktionieren, am besten jeden tag. und alle, die kommentieren, sind natürlich funktionierende mütter. oder wären welche. oder hatten welche.

3. „hahahaha“. „geil“. „ich lach mich weg“.
dieser kommentarlogik kann ich mich, zugegeben, am schlechtesten entziehen. so klingt eine spontane reaktion auf slapstick, und ja, vielleicht haben die leute einfach nicht gut darüber nachgedacht, dass dieses video eben nicht so was hier ist:

sondern echt. und das mit einem echten kind passiert ist.* vielleicht wurden sie einfach nur von diesem kurzen augenblick der tortenschlacht-komik überrascht. geschenkt. die chance, noch etwas nach- (im sinne von: hinterher-) zu denken, darf jedeR gern nutzen. also, am besten bevor man mich dann als verklemmte spaßbremse beschimpft, meine ich. ich verstehe an der stelle keinen spaß, wo sich eine haltung kindern gegenüber zeigt, die ihnen das leben schwer macht.

wer also absolut nicht in ordnung fände, wenn das kind hier von dem fremden eine ohrfeige kassiert hätte – und das nehme ich jetzt mal zugunsten der meisten kommentierenden an – aber gleichzeit dieses video saukomisch findet, hat nicht richtig kapiert, was an einer ohrfeige scheiße ist. da hilft es nix, sich (zurecht) über den papst aufzuregen, wenn der „würdevolles schlagen“ von kindern ganz in ordnung findet. denn selbst da hinkt man noch dem papst hinterher – immerhin hat der zumindest verstanden, dass das problem beim schlagen darin liegt, dem kind die würde zu nehmen, es herabzuwürdigen, es zu demütigen durch die eigene körperliche überlegenheit und den vorsprung durch reflektionsvermögen (auch wenn es natürlich sein geheimnis bleiben wird, wie schlagen ohne „das“ auskommen sollte). ob dem kind jetzt eine gedonnert oder es mit milch übergossen wird: es wird entwürdigt; milch tut nur weniger weh. das darf man saukomisch finden – aber bitte ohne zu glauben, man sei so viel besser als leute, die ohrfeigen mit „geschieht ihm recht“ oder „das kommt davon“ rechtfertigen.

und jetzt wünsche ich mir einfach, dieses kack-video nicht mehr sehen zu müssen. und ein pony.

*ergänzung: vielleicht ist es auch nicht echt, sondern inszeniert. da es so geteilt und kommentiert wird, als sei es echt, spielt das keine rolle.

Advertisements

~ von superjule - April 1, 2015.

3 Antworten to “wenn man trotzdem lacht.”

  1. Abgesehen davon, dass es für ein dreijähriges Kind wohl keine „öffentliche“ Demütigung gibt (für die Mutter schon): die richtige Reaktion wäre eigentlich gewesen, die Milch über dem Kopf der Mutter auszuleeren.
    Und nein, die Mutter ist nicht im Gespräch mit irgendjemand. Dafür gibts im Video keine Anzeichen. Die Mutter ist ignorant.

    • …ich habe ja noch ne menge anderer gründe genannt, warum es sein könnte, dass die frau nicht aufmerksam ist. wir wissen nichts über die frau was es m.e. rechtfertigt, sie als ignorant abzuurteilen. sie funktioniert in dem augenblick nicht so, wie sie funktionieren sollte. ich jedenfalls funktioniere auch häufig – nicht nur als mutter – nicht so, wie es richtig wäre… ich bin froh, dass die welt nicht so ist, dass ich dann dafür umgehend milch übergeschüttet bekomme. nicht zu funktionieren ist zum glück menschlich.

  2. ach ja, ich bin ja immer froh, dass du solche “ Themen“ hier aufgreifst, aufdröselst und sie „klar stellst“. Mir ist das Video noch nicht über den Weg gelaufen! Es ist wirklich widerlich! Aber was erwartet man schon in einer Gesellschaft, wo Winterhoff & Co, diese vollkommen blöden Bücher über „tyrannische Kinder “ schreiben, und diese von dem meisten auch noch befürwortet werden. Anstatt hier einen anderen Weg zu finden, dem Kind zu vermitteln, dass es weh tut, wenn man den Einkaufswagen in die Hacken bekommt, oder einfach weg geht, die Mutter aktiv anspricht, oder was auch immer. Beim Einkaufen stehen übrigens regelmäßig irgendwelche wildfremden Leute ganz nah bei mir, verletzten meine persönlichen Nähe-Grenzen, oder streifen mich dem Einkaufskorb oder Ähnliches. Soll ich dann auch gleich mit einer „Ware“ auf sie einschlagen, oder was auskippen o. ä. Das ist doch echt bescheuert ! Wahrscheinlich wird ein solches „einmaliges Erlebnis“ kein Trauma bei dem Kind auslösen, aber es lernt trotzdem dadurch “ das nach unten treten“ eine weit verbreitete Durchsetzung Strategie vieler Erwachsenen ist. Bäh…!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s