ich hab nix gegen kinder, aber.

„ich hab ja nix gegen türken, aber mir gehen türken schon tendenziell mehr auf die nerven als deutsche. wenn ich mit türken rede, verstehen die mich oft so schlecht. und ich kapier‘ manchmal gar nicht, was die von mir wollen.“ bamm. na ja, ganz so war der satz nicht. ersetze „türken“ durch „kinder“ und „deutsche“ durch „erwachsene“, aber ansonsten ging der satz genau so. von jemandem, der selbigen in der türken/deutsche-variante natürlich nie im leben geäußert hätte.
es ist erstaunlich: nicht nur sogar, sondern gerade in einer szene – der nämlich, der ich mich zugehörig fühle – in der immer die sensibilität für und das engagement gegen diskriminierung wie ein fähnchen vor sich her getragen wird, ist diskriminierung von kindern nicht nur okay. es adelt, gewissermaßen. es suggeriert, hier werde besonders emanzipatorisch gelebensmodellt. was ich sonst tue scheint fast scheißegal; solange ich keine eigenen kinder habe und anderer leuts kinder von herzen nicht als menschen ernst nehme, bin ich nicht establishment. oder so ähnlich.
jahrelang war ich davon nur wenig berührt oder fand diese abgrenzerei der ihre frei gewählte kinderlosigkeit mit einer geste der überlegenheit vor sich hertragenden einfach nur wunderlich. inzwischen nervt es intensiv – ich nehme an, dass das daran liegt, dass ich gelegentlich ziemlich schwer von begriff bin. dass ich jahre mit kind gebraucht habe um zu kapieren, dass kinder von diesen leuten (ja, einige meiner besten freunde gehören bedrückenderweise dazu) schlicht diskriminiert werden. so wie der türke, gegen den eigentlich niemand was hat, aber. mensch möge sich einmal so einige standardsätze auf deutsch vs. türkisch übersetzen; vielleicht kommt man dann doch ins grübeln. und falls hier argumente kommen sollten, warum das was ganz anderes sei, dann sollten die besser gut sein. denn kinder sind teil unserer gesellschaft, sie haben eigenschaften, die ihnen gemeinsam sind, sind aber individuell so unterschiedlich wie alle anderen menschen dieser welt. ihre andersartigkeit zum anlass zu nehmen, mit ihnen nichts zu tun haben zu wollen, ist genau genommen ein starkes stück. genau das passiert aber ständig, und das in einer szene, die laut aufschreien würde, wenn sich so ein verhalten auf andere teile der gesellschaft beziehen würde. vermutlich wäre es noch nicht mal wohlgelitten zu sagen „deine oma ist da? ach so, nee, dann komme ich lieber später. ich hab es nicht so mit alten leuten“. aber ein „du, nimm es mir nicht krumm, aber mit kindern kann ich gar nicht“ geht selbstverständlich immer durch. ein ehemaliger freund erklärte zum beispiel ausdrücklich nach mehreren jahren, in denen er zu weihnachten unser gast gewesen war, jetzt, so mit kind mit am tisch, hätte er keine lust mehr zu kommen (ehemalig eben).
und ich ärgere mich häufig über mich selbst. warum erwarte ich, dass über andere gesellschaftliche gruppen aufgrund ihrer herkunft oder ureigensten eigenschaften nicht pauschal geurteilt wird, warum erwarte ich, dass grundsätzlich die gesellschaftliche bereitschaft vorhanden ist, andersartigkeit anzunehmen, zu ertragen und im besten fall als bereicherung empfinden zu können, wende das aber nicht ebenso selbstverständlich auf kinder und ihre akzeptanz zumindest in meiner umgebung an? warum fahre ich jedem über den mund, der sagt „schwule nerven mich“, versuche aber einfach wegzuhören, wenn freunde wieder irgendwelche sprüche darüber machen, wie unerträglich kinder nerven (kein spezielles, sondern eben: kinder, alle)? keine ahnung, aber auch das nervt mich…
besonders nervt, wie dann so getan wird, als habe man sich für das emanzipatorischere lebensmodell entschieden. ich möchte nur mal eben feststellen: es gibt viele faktoren, die bestimmen, wie emanzipatorisch du eben lebst, oder eben auch nicht. welche strukturen du stärkst, wie deine familie gestrickt ist, womit du deine brötchen verdienst, wofür du dein geld ausgibst, ob du wählst (und vielleicht auch wen), wofür du dich engagierst, wie viel zivilcourage du zeigst, wie du liebst, womit du deine zeit verbringst, was du besitzt, wie du denkst, wohin du gehst, wie du solidarität lebst etc.pp. und nein, niemand ist cooler, oder mehr punkrock, oder was auch immer, wenn er/sie bei der deutschen bank die brötchen verdient, aber dafür kein kind hat. ätsch. und nein, es ist kein wettbewerb, denn es gibt kein richtiges leben im falschen, aber: ich hab mit dieser aufrechnerei ja auch nicht angefangen :).
besonders irre gelegentlich in dem zusammenhang: punkrocker. menschen, die regelmäßig wert darauf legen, sich nicht vorschreiben zu lassen, wie sie zu leben und sich zu benehmen haben, haben aber gerne ganz und gar enge vorstellungen davon, wie kinder sich gefälligst zu benehmen haben. menschen, die „against all authority“ auf ihren shirts spazieren tragen, aber gern sachen sagen wie „also ich finde, kindern muss man klare grenzen setzen“ oder sogar irgendwas mit „mal eins an die löffel“. auf irgendeine schräge art gilt das dann als total okay, von kindern strikt zu erwarten, dass sie die erwachsenen nicht stören. also, ausgerechnet bei den erwachsenen, die es durchaus okay finden, selbst andere erwachsene zu stören (woran erst mal nix auszusetzen ist). das muss ich nicht verstehen. selbst immer laut sein und anderen ins wort fallen, aber wenn kinder das tun das dann umgehend als „kinder nerven halt“ abzuspeichern. selbst den exzess zelebrieren, aber wehe der punkrocker wird dabei durch ein kind gestört, das „eigentlich schon ins bett gehört“… spießer ahoi.
die selbstverständlichkeit, mit der bei gemeinsamen unternehmungen mehr oder weniger erwachsener und nicht erwachsener menschen von einigen erwartet wird, dass selbstverständlich die bedürfnisse der älteren menschen vorrecht genießen sollten, kotzt mich inzwischen schlicht an.
nein, ich bin nicht blöd. mir ist schon klar, dass das mit dieser kinderkriegensollennormativität zusammenhängt, mit dem kleinfamilienmodell als keimzelle der kapitalistischen gesellschaft, dem bollwerk gegen emanzipatorischere, solidarischere, politischere lebensmodelle von gesellschaftlicher relevanz. find ich alles auch eher wenig gut, sag ich mal. und dagegen wird dann trotzig ein pauschales kinderdooffinden gesetzt. ich möchte allerdings zu bedenken geben, dass genau so, nur von der anderen seite, alle ressentiments und jede diskriminierende praxis gebaut sind. nicht die kinder sind das problem, sie sind nur ein billiger ableiter.

disclaimer: ich weiß, dass viele immer gleich total wütend werden, wenn man ihnen „unterstellt“ oder unterstellt, sie würden kinder diskriminieren, denn diskriminieren, das machen die anderen. deshalb bitte ich darum, vielleicht kurz luft zu holen und bis zehn zu zählen, bevor der erste kommentar verfasst wird – danke!

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~ von superjule - November 30, 2014.

3 Antworten to “ich hab nix gegen kinder, aber.”

  1. gut gebrüllt löwe 🙂

  2. diesen (scheinbaren) widerspruch bei den ‚punkern‘ find ich lustig. zeigt sich doch hier, dass es den leuten gar nicht um regeln, herrschaft oder ähnlich geht, sondern einfach nur darum, ganz egoistisch das zu tun können, was sie wollen und dabei nicht gestört zu werden. heutzutage ist ‚punk‘ nicht rebellion, sondern ausgelebter egoismus.

  3. Danke für den Beitrag. Gut das dies mal laut gesagt wird. Mich nervt das auch schon lange, denn deine oben beschriebene Erfahrung kann ich nur bestätigen. Sowas ähnliches habe ich selber schon mit Leuten aus „anderen Szenen „erlebt. Einer von vielen Gründen warum ich mich von den „meisten Freunde dann nach und nach verabschiedet habe.

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