eiszeit

endlich schlägt jemand alarm – es ist, überraschung, mal wieder michael winterhoff, der zufällig, zweite überraschung, ein neues buch auf den markt geschmissen hat. nachdem er ja vor jahren schon feststellte, dass „unsere kinder tyrannen werden“, geht es jetzt wohl fröhlich in der art weiter (nein, ich habe das neue nicht gelesen, und nein, ich werde auch den teufel tun. das erste werk hat mir gereicht, vielen dank auch).
es wird auch höchste zeit, dass mal jemand alarm schlägt. dass mal jemand feststellt, wie absolut unpassend die welt für kinder ist. wie absolut unpassend kinder inzwischen ab dem ersten atemzug fit für den wettbewerb, fit zum funktionieren gemacht werden. aber ups, das ist nicht der alarm, den herr winterhoff schlägt. nicht die welt passt nicht für die kinder, die kinder passen nicht für die welt.
in einem interview mit dem schweizer tagesanzeiger stellt er die steile (aber nicht neue, ihm reicht ein gedanke ja für mehrere bücher) these auf, es komme aktuell zu einer „machtumkehr“ zwischen kindern und eltern. ich muss mich sehr wundern. da haben die gören schon die macht, und ihnen fällt damit nichts besseres ein, als für sich selbst ein system zu entwerfen, in dem sie leisten, leisten, leisten sollen? in dem problematisiert wird, wenn sie zu laut, zu leise, zu hektisch, zu verträumt sind, weil sie dann nicht abliefern können? entweder sind kinder blöder als gedacht, oder es stimmt doch irgendwie was nicht mit der theorie der machtumkehr.
dabei denkt winterhoff gelegentlich tatsächlich in die richtige richtung – mangelnde qualitätszeit zwischen eltern und kindern, weil alle den ganzen tag auf bildschirme starren, oder mangelndes heranführen können an glück, zufriedenheit und erfüllung, weil das den eltern auch nicht gelingt, das sind durchaus aspekte, da gehe ich mit ihm mit. alles andere dagegen wirft er so wild und wirr durcheinander, dass ich mich frage, ob er seine approbation in den 70ern aus einer cornflakes-packung gezogen hat. doch mal so:

was ist eigentlich entwicklung?
winterhoff bemängelt, dass kinder heute bei schuleintritt nicht mehr vier stunden lang still sitzen können. dieses entwicklungsdefizit [!] mache es ihnen unmöglich, ihr intelligenzpotenzial auszuschöpfen, weil sie so dem schulstoff nicht folgen könnten. ein kinderpsychiater hält es also für einen zentralen entwicklungsschritt des kindes, mit sechs jahren vier stunden still sitzen zu können. wow, belassen wir es mal beim wundern. vielleicht kann man als psychiater ja auch einfach im stillen kämmerlein vor sich hin psychiatern, ohne zu merken, dass in der welt um einen rum ein diskurs stattfindet. ein pädagogischer diskurs, in dem längst niemand mehr an die sinnhaftigkeit von „vier stunden stillsitzen“ glaubt. in dem längst an neuen konzepten gearbeitet wird, weil übrigens auch niemand mehr daran glaubt, dass kinder gut was lernen, nur weil sie müssen, oder dass sie etwa etwas aufnehmen – nicht: auswendig lernen; aufnehmen! – nur weil sie still dasitzen und die klappe halten. dass es ohne intrinsische motivation nix wird mit dem aufnehmen, ist doch längst eine binse. und stillsitzen ist jetzt doch eher… extrinsisch, würde ich meinen.

was wird eigentlich immer schlimmer?
winterhoff stellt sich selbst als kronzeugen für seine theorie, kinder würden zunehmend verwöhnt und deshalb missraten (er nennt es anders: „kriegen bedürfnisse umgehend erfüllt“ und „werden auffällig“) zur verfügung: seine erfahrung als kinderpsychiater zeige, dass mitte der 90er zwei kinder pro klasse „auffällig“, heute zwei pro klasse „unauffällig“ seien. auch hier staune ich über den einsam vor sich hin psychiaternden autoren – findet „gesellschaft“ in seiner analyse nicht statt? ist es nicht die gesellschaftliche umgebung, die festlegt, was als „auffällig“ gilt? verändern sich solche festlegungen nicht? hat sich nicht auch seit mitte der 90er das schulsystem extrem verändert? wurde in der zwischenzeit nicht alarm geschlagen, bundesdeutsche schülerInnen würden im internationalen vergleich abgehängt? wurden nicht die lernkontrollen verschärft, G8 eingeführt, die panik unter den eltern geschürt, man müsse rechtzeitig anfangen mit „fördern und fordern“, damit aus dem nachwuchs was wird? steuert nicht der komplette „bologna-prozess“ darauf zu, in möglichst kurzer zeit möglichst „leistungsfähige“ menschen herzurichten? ist nicht die norm, von der abzuweichen einem karriereselbstmord gleich kommt, immer enger geworden? wenn ich im geiste meine klassenkameraden der grundschule in den 70ern durchgehe, kommen mir bei mindestens der hälfte berechtigte zweifel, ob die nicht heutzutage auch ein „notfallprogramm“ durchlaufen müssten.
und ja, tatsächlich, da macht herr winterhoff einen punkt: viele eltern scheinen mit reflexhafter wunscherfüllung etwas zu kompensieren. da bin ich dabei. ich denke, sie kompensieren damit, dass sie sehen, dass ihre kinder es auf der anderen seite – da, wo winterhoff sie gern vier stunden still sitzen sehen will – unangebracht schwer haben; sie kompensieren, dass räume, in denen kinder einfach „kind sein dürfen“ inzwischen auf ein minimum reduziert sind.

was ist eigentlich „auf augenhöhe“?
und hier wird es gänzlich konfus. das allein vor sich hin psychiatern führt bei winterhoff dann auch dazu, dass er letzten endes dann alles durcheinanderwirft:

Geht es nicht darum, dass Begriffe wie Autorität und Hierarchie heute als negativ empfunden werden?
Natürlich. Das Problem ist, dass sich alle im Kind sehen. Und die irrige Vorstellung haben, sie müssten dem Kind wie einem Partner auf Augenhöhe nur lange genug alles erklären, dann würde es schon mitmachen. Aber das funktioniert nicht, weil man so dem Kind Erwachseneneigenschaften abverlangt. Und genau die kann es entwicklungspsychologisch gar nicht haben.

ging es also vorhergehend darum, dass eltern unreflektiert ihren kindern alle wünsche erfüllen, ist für ihn das auf einmal eine „partnerschaft auf augenhöhe“. ich weiß ja nicht, wie es in anderen partnerschaften auf augenhöhe so ist, aber in meinen erfülle ich den partnern auf augenhöhe keineswegs unreflektiert jeden wunsch. eine partnerschaft auf augenhöhe bedeutet nicht, keine persönlichen grenzen zu haben, bedeutet nicht, sich dem partner nicht zuzuwenden und diesen mangel oder diese unfähigkeit durch wunscherfüllung zu kompensieren. und auch meine erwachsenen partner auf augenhöhe machen leider nicht alles mit, nur weil ich es ihnen lang genug erkläre. im gegenteil – gerade partnerschaften auf augenhöhe verlangen allen beteiligten viel ab: da muss diskutiert und verhandelt werden, da müssen persönliche grenzen klar gemacht, eigene interessen gegen die anderer abgewogen werden. und das können viele erwachsene nicht oder nur mühsam, weil sie sich außerhalb eines klar hierarchischen systems unsicher fühlen und sich deshalb lieber darin flüchten, autoritäre ansagen bekommen zu wollen. ist zwar unangenehm, aber einfacher. warum das gegenteil von bedingungsloser wunscherfüllung also autoritäres verhalten sein soll, wird für immer winterhoffs geheimnis bleiben. und warum autorität und hierarchie grundsätzlich etwas gutes sein sollen, wird auch der tagesanzeiger nicht so leicht erklären können. wir brauchen mehr partnerschaften auf augenhöhe, wir brauchen mehr gespräch und austausch, und wir brauchen mehr beziehung. mit reflexhafter wunscherfüllung hat das nichts zu tun. und irgendwo zwischen seinen verschwurbelten zeilen hätte winterhoff das auch selbst lesen könnnen.

so bleibt zum schluss nur die hoffnung, dass winterhoff sich jetzt wieder in seinen DeLorean setzt, der ihn zurück in sein jahrhundert bringt, in dem er weiterhin im stillen vor sich hin psychiatert – mit betonung auf „im stillen“.

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~ von superjule - Dezember 20, 2013.

Eine Antwort to “eiszeit”

  1. DANKE für diesen herrlich treffenden Kommentar! Eine Wohltat.

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