alles so schön bunt hier.

vorab: shame on me. multiple gründe haben mich blogfaul gemacht. ich bessere mich, versprochen.

ich ziehe einen konsumfreak groß. ich schrieb ja bereits schon einmal über seine waffenleidenschaft – aber natürlich belässt er es nicht dabei, alles an billigem plastik mit militaristischem hintergrund aus dem woolworth nach hause zu schleppen. da müssen ja mindestens noch star-wars-karten gesammelt, lego ninjago-kram gekauft und ein vermögen in süßigkeiten umgesetzt werden. die frage „wann krieg ich wieder taschengeld?“ wird rituell wiederholt, die anschließenden kaufräusche sind deutliche höhepunkte seines ohnehin spaßreichen lebens, und so bleibt es nicht aus, dass seine kauferei mich auch beschäftigt. und das gleich in mehrfacher hinsicht:

großes geld, kleine pfoten

mit eintritt des kindes in seine schule hatte ich einige vermeintliche kröten zu schlucken, so zum beispiel die mit dem taschengeld. ein euro pro kind pro tag, das gehört dazu. und während ich beim ersten mal, als ich davon hörte, spontan dachte „die spinnen doch“, bin ich heute tatsächlich in der frage geläutert.

warum ich dachte, dass „die“ spinnen? ich fand es zu viel. und ich fand das ungerecht. im ernst: ein dreijähriger mit 30 euro im monat? wie lernt er den wert des geldes zu schätzen? wie kann ich das rechtfertigen im rahmen einer gesellschaft, in der einer die hartz IV-regelsätze die tränen in die augen treiben? wie soll ein 13jähriger das finden, dass der 3jährige genau so viel bekommt? hat der 3jährige nicht viel geringere bedürfnisse?

inzwischen kann ich mich locker machen. yep, es gibt sie, die anekdoten über die 3jährigen, die den euro nehmen, wegschmeißen und dann achselzuckend sagen „morgen krieg ich ja wieder einen.“ das machen sie aber nur so lange, bis sie erkennen, dass das genau ein päckchen star-wars-karten war, das sie da in den rinnstein geworfen haben, und das schmerzt rückblickend irgendwann schon.

für einen 13jährigen sind 30 euro im monat ein schönes taschengeld – warum sollte es ihn stören, wenn die kleinen genau so viel bekommen? sein geld wird dadurch nicht weniger, dass ein anderer genauso viel bekommt. es eröffnet ganz andere möglichkeiten für den handel mit- (oder gegen-…)einander, wenn alle die selben voraussetzungen haben. es gibt jedem und jeder die möglichkeit, gleichermaßen großzügig oder geizig zu sein. und der hohe betrag? der entlastet mich. ich kann nicht zählen, wie häufig ich jetzt einfach auf das taschengeld verweisen kann, wenn ansonsten an allem möglichen gequengelt wurde. es ist doch so: kaufen kann ich ihm nicht alles, was er will. mir auch nicht. jeder von uns muss mit einer bestimmten menge geld haushalten – er mit seiner, ich mit meiner. dass ein geldbeutel eben kein fass ohne boden ist merkt er genau dann, wenn er geld bekommt, das auch irgendwann einmal zu ende ist, und nicht, wenn er keins bekommt, aber mit ordentlicher nörgelei eigentlich doch immer einiges geht – nach völlig undurchschaubaren regeln. manchmal will man eben einfach, dass das nörgeln aufhört; das kann ich nachvollziehen – besser ist anders.

natürlich hat er meistens kein taschengeld mehr genau wenn er das ultimative spiderman-heft mit dem ultimativen plastikschleuder-gimmick entdeckt. das ist bitter, aber im ernst? so geht es mir fast jeden tag. mich brüllen ständig sachen an „kauf mich“. und mir ist lieber, die verantwortung dafür, wieviel geld das kind gerade noch zum verschleudern zur verfügung hat, liegt bei ihm, und nicht bei mir. ich mag ihn nicht im ungewissen lassen: was kann er aus mir rausquengeln? ist das wirklich zu teuer für uns, oder will ich es ihm nur nicht kaufen? ich mag ihn nicht meiner laune ausliefern – er soll seinen scheiß kaufen können, egal ob es mir gerade passt oder nicht, ob wir gerade gestritten haben oder uns mit luftküssen überschütten. ihm die freiheit des eigenen geldes zu geben macht mich auch freier. und auch deshalb muss es ein vernünftiger betrag sein, mit dem sich – rein theoretisch… – auch „was ordentliches“ kaufen lassen könnte. und ich vermute inzwischen, dass wenn andere eltern sauber zusammenrechnen würden, was an kleinen spielsachen oder süßigkeiten bei ihnen so zusammenkommt, wir mit 30 euro nicht schlecht wegkommen – wir überlassen es eben nur ihm, wann und wofür er es ausgibt, und nicht unserer gönnerhaftigkeit.

und immer so viel scheiß

yep, er ist schon mit schlechten genen geschlagen. sein vater kauft gerne euphorisch jacken, die er dann „zu den anderen“ hängt. ich kaufe gern plastikdekogegenstände aus asien mit großen augen, die tickticktick machen oder die farbe wechseln und nach zwei wochen kaputt sind. tief durchatmen muss ich trotzdem noch, wenn er mir seine nächsten pläne offenbart. er hat sich gewünscht, dass wir ihm das geld vierzehntägig geben – was nicht etwa dazu führt, dass dann in hochwertige ware investiert wird. „wann krieg ich wieder taschengeld?“ – „am mittwoch.“ – „gut. ich will mir vierzehn päckchen star-wars-karten kaufen.“ immerhin, zwei wochen haben vierzehn tage, pardon, euro. ich ertappe mich dabei, dass mich die rechenleistung schon mal freut. „kauf dir doch nur fünf, dann hast du noch geld übrig, das sind doch auch viele“, ich kann es nicht lassen. „aber mit neun euro lohnt es sich nicht, in den rewe zu gehen.“ (hey, neun, tatsächlich. war das ein glückstreffer?) okay. für 14 euro chips im rewe zu kaufen ist die einzig sinnvolle alternative zu star-wars-karten, das hatte ich vergessen. ausgenommen die zeiten, in denen eine star-wars-edition fertig gesammelt und die neue noch nicht auf dem markt ist; da lässt sich auch gut der süßigkeitenautomat leerziehen. vor dem frühstück natürlich, damit jedeR in der bahn sehen kann, dass die dämliche mutter keine ahnung von gesunder ernährung hat. „wuhlie“ würde auch gehen, aber das würde voraussetzen, dass von dem morgens ausgezahlten geld am nachmittag noch was übrig ist, denn in schulnähe gibt es keinen.

aber tatsächlich: während ich mich oft dabei ertappe, mein geld falsch ausgegeben zu haben, passiert ihm das nie. er ist stets hoch zufrieden mit seinen finanziellen entscheidungen. meine vorstellung von „scheiß“ bedarf offensichtlich einer revision. schließlich liegt „scheiß“ im auge des betrachters, und sein taschengeld macht meine beurteilung seiner käufe egal – im gegensatz zum quengel-modell. da bin ich herrscherin, höchste instanz, weil die mit dem geldbeutel.

disclaimer: ich weiß, dass es für viele familien ein problem ist, dem kind 30 euro im monat in die hand zu drücken, und das finde ich grauslich. scheiß kapitalismus. ich möchte hier eher die leute etwas anstupsen, die, wenn sie mal sauber drüberrechnen, feststellen müssen, dass ein solcher oder ähnlicher betrag auf irgendeine art und weise über die teile-und-herrsche-methode ohnehin ans kind kommt – und die sich vielleicht einen schubs geben können, den teil mit dem herrschen einfach aus diesem geldtransfer rauszunehmen 😉

(*wg. oben erwähnter blogfaulheit ist dieser stand schon etwas älter, und ich kann noch ergänzen: inzwischen hat er sich tatsächlich ein sauteueres gerät zusammengespart, und zwar eisern. mir liegt die kinnlade immer noch auf dem tisch, ich schaffe so etwas nicht…)

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~ von superjule - November 3, 2013.

2 Antworten to “alles so schön bunt hier.”

  1. ich bin begeistert. von eloquenz ebenso wie von inhalt.
    vielleicht sollte ich auch mehr auf das taschengeld verweisen. ich schätze, meine rechnung würde ungünstiger ausfallen. danke für die anregung.

  2. Okay, der Denkanstoss war wischdisch. Merk ich mir, er kommt ja nächstes Jahr auch irgendwie zur Schule. Gute Denke, Jule!

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