weniger klug.

der trichter, der top-down wissen ins kind stopft, ist passé. jahrelange forschungsergebnisse dazu, welches wissen wie in den menschen kommt und warum – stichwort „ich lerne was mich interessiert“ – sind längst allgemein bekannt. dachte ich. und jetzt? „Frontalunterricht macht klug“, erklärt uns Inge Kloepfer in der FAZ. ups, dann haben sich wohl viele schlimm geirrt, die letzten jahrzehnte pädagogischer auseinandersetzung ums lernen waren alle für die katz, und ich muss mein erschüttertes weltbild neu formen. nun ja, müsste ich vielleicht, wenn dieser artikel nicht so unglaublich flach wäre.

aber mal die lesebrille ausgepackt: „Problemorientierter oder offener Unterricht – die ganze moderne Pädagogik stiftet wenig Nutzen. Am besten ist noch immer moderner Frontalunterricht, fanden Forscher heraus.“ der antext fasst schön zusammen und macht hoffnung: endlich mal schluss mit der diskutiererei, hugh, die wissenschaft hat gesprochen. „forscher“ sagen, frontalunterricht sei „am besten“. am besten wofür, das erfahren wir nun leider bis zum ende des artikels nicht. dort finde ich: frontalunterricht stiftet „nutzen“(welchen?), kinder lernen damit „am besten“ (was?), er „bringt mehr“ (was?), „produziert gute resultate“ (auf welchem gebiet?) und… wir nähern uns langsam… „steigert schülerleistung“. und an dieser stelle wird offensichtlich, wie völlig sinnlos ein solcher beitrag ist, wenn in ihm nicht ein einziges mal überhaupt die frage gestellt wird, was schülerInnen denn lernen sollten, welche art leistung gewünscht und abgefragt wird, was das ziel von schule und lernen überhaupt sein soll. an manchen stellen blitzt es durch – so zum beispiel, wenn Michael Felten zitiert wird mit „Die Schüler müssen ganz klar wissen, was der Lehrer will.“

sorry, mein fehler. ich dachte, es ginge hier um einen beitrag zu einer debatte auf höhe der zeit. in der man längst von schule erwartet, dass sie keine paukanstalt ist, in der kurzfristig wissen in menschen gestopft wird, um sie dann rechtzeitig bei „leistungsvergleichstests“ abzurufen. in der man von schule erhofft, dass sie den schülerInnen wege der problemlösung näher bringt, weil das nachhaltiger ist, als „333 – bei Issos Keilerei“ zu hören, zu merken und abzurufen. in der schule auf situationen vorbereiten soll, die durch selbstständiges denken und handeln gelöst werden müssen – auf das echte leben eben. mir hat der 333-merkspruch bislang nicht einen guten dienst erwiesen (abgesehen davon, dass ich ihn hier als schönes beispiel idiotischen schulwissens nennen kann). in anderem licht betrachtet sind die forschungsergebnisse in sich natürlich konsistent: solange schulische „leistung“ nach wie vor interpretiert wird als kurz- bis mittelfristige wissensakkumulation, die zum passenden zeitpunkt abgerufen werden kann, solange ist sicher frontalunterricht das mittel der wahl, oder auch der „gute lehrer als welterklärer“, wie die autorin positiv umdeutet. die schulung selbstständigen denkens kollidiert selbstverständlich mit „lernzielen“, die wie seit jahrhunderten darin bestehen, wissen abzufragen. hier wird einfach die problemlage verkehrt, dabei haben es reformpädagogische ansätze doch deshalb schwer, weil die veränderung der vorstellung, welche „ergebnisse“ letzten endes schule zeitigen soll, nicht mit ihnen schritt halten kann.

so kann man also letzten endes entweder an den gewünschten ergebnissen von schule konstruktiv arbeiten, oder feststellen, dass der bisherige leistungsbegriff offensichtlich nicht reformierbar ist und wir deshalb wieder zurück müssen ins zeitalter des frontalunterrichts. und selbst wenn man dann so oft wie möglich „forscher“, „untersuchung“, „bildungsökonomen“, „analyse“ und „empirie“ in einen beitrag steckt – das nimmt ihm nicht seine rückwärtsgewandtheit.

übrigens: dass diese abrufbare „leistung“ erbringen zu können dasselbe sein solle wie „klug“, behauptet zum glück selbst von den zitierten niemand. diese interpretation der forschungsergebnisse, wie sie in der überschrift nahe gelegt wird, dürfte auf dem persönlichen ideologischen  ̶m̶̶i̶̶s̶̶t̶ nährboden der autorin gewachsen sein und ist, mit verlaub, dann doch auch eher weniger klug.


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~ von superjule - Dezember 17, 2012.

7 Antworten to “weniger klug.”

  1. Ich werf nur mal wieder das schöne Wort „Bachelor-Bulimie“, hier vielleicht abzuwandeln in „Bildungs-Bulimie“, in den Raum.

  2. DANKE!!! ich war auch kurz vorm platzen!!! 😉

  3. Ich habe den Artikel auch gelesen und war wie vor den Kopf gestossen. So was Oberflächliches. Aber gut für alle, die sich sowieso keine Gedanken über eine neue Pädagogik machen wollen. Ist ja auch anstrengend! Immerhin leben wir in einer “ ach so gut funktionierenden“ Leistungsgesellschaft .Danke für diesen guten Beitrag!

  4. Vor allem fehlt ja jeder Hinweis auf die Sozialisierung der derart besser Befüllbaren. Anders gesagt: Ein durch Frontalunterricht bereits dem eigenen Denken und Fragen entfremdetes Schulkind lernt mitunter dann am besten durch…, na was wohl?, ja, genau: Frontalunterricht.

    Und der Vergleich mit Finnland ist auch lustig. Ein Gegenvergleich: Im internationalen Arbeitsmarkt wurden deutsche Akademiker bis vor einigen Jahren für ihre ausgeprägte Kompetenz in eigenständigem Problemlösen besonders geschätzt. Hat Bologna inzwischen auch ruiniert.

    Jedenfalls ist die Ausblendung von Forschungsstand in dem Artikel unübertroffen. Und brandgefährlich! Es kommt nämlich sehr fundiert daher. Gut, dass Du ihn Dir vorgenommen hast, Jule.

    • Völlig unabhängig vom (Un)Sinn des Zeitungsartikels widersprichst du dir hier aber letztendlich selbst: Die für ihr eigenständiges Problemlösen hochgelobten deutschen Akademiker sind zum Großteil mit Frontalunterricht beglückt worden.
      Davon abgesehen schließen sich Frontalunterricht und eigenständiges Denken nicht zwangsläufig aus. Es ist – wie immer – eine Frage der Umsetzung und des Grundverständnisses des Verhältnisses zwischen Schüler und Lehrer.

      • hallo petra, ich bezweifle ja nicht, dass es nicht leute gibt, die trotz frontalunterrichts selbstständig denken können – ich zweifle vielmehr daran, dass es der beste weg ist, um selbstständiges denken zu fördern. dass es nicht bei allen menschen gelungen ist, ihnen das selbstständige denken auszutreiben, ist m.e. nicht wirklich beruhigend 😉

  5. Großartig, Jule! Standing Ovation!

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