schwein.

mein kind besucht eine freie schule. nein, nicht das, was sich „freie schule“ nennt, in wirklichkeit aber kinder in ein evangelikales oder sonstwie religiös geprägtes verhaltenskorsett zwängt, sondern eine freie alternativschule. das bringt es mit sich, dass sich dabei auch – äh (ich suche nach einem wertneutralen begriff)- gesellschaftlich eher unübliche verhaltensweisen fröhlich ausbreiten können. damit meine ich nicht verhaltensweisen, die andere leute offensichtlich stören, wie rempeln, ins ohr schreien oder so was. das gibt es natürlich auch, aber gehört nicht zu der „freiheit die ich meine“, die nämlich nach möglichkeit nicht über die grenzen der anderen latschen sollte.

doch was mache ich, wenn die anderen ihre grenzen so merkwürdig ziehen? ein guter indikator für den verlauf dieser grenzen ist zum beispiel die fahrt in der straßenbahn vor oder nach der schule. ich könnte willkürlich einen tag herausgreifen: zum beispiel den, an dem mein sohn die ärzte mit „schrei nach liebe“ auf dem kopfhörer hat und morgens um kurz nach acht in die ansonsten schweigsam versammelte straßenbahngemeinde immer im refrain ein einziges wort –  „arschloch“ – mitbrüllt. oder wenn er sein taschengeld bereits bevor wir überhaupt einsteigen im süßigkeitenautomaten gelassen hat und die umgebung ihn beim wegschmatzen eines frühstücks vom anderen ende der gesunde-ernährung-skala beobachten kann. da wird dann aus hundert augen gestarrt, und es ist klar: irgendwie „gehört“ sich das nicht. schwer zu sagen, warum sich jemand belästigt fühlen sollte von dem, was mein sohn isst, oder warum ein mitgegröhltes „arschloch“ schwerer auszuhalten ist als zum beispiel handygespräche, bei denen wir viel mehr über die leute am fon erfahren als wir jemals wollten.

natürlich wäre es schöner, wenn in der bahn niemand „arschloch“ gröhlt. aber es wäre auch schöner, wenn in der bahn niemand neben mir nach schnaps stinkt und laut mit einem nicht vorhandenen gegenüber über den neuesten fehlkauf der eintracht schwadroniert. und es wäre auch schöner, wenn es einen parfum-grenzwert gäbe, über dem man keine bahn mehr besteigen dürfte. und es wäre schöner, wenn leute mich morgens anlächeln würden, statt grimmig vor sich hin zu starren. und ich fände es auch schöner, wenn ich nicht hören müsste, dass das neue datenbanksystem echt mies und die schneider ne doofe fotze ist. doch bei kindern traut man sich bei allem was einem gerade nicht passt von anstarren aufwärts dann alles, was man bei der schnapsnase nicht wagen würde.

gänzlich verpasse ich dann die verständniskurve, wenn wildfremde menschen anfangen, die fröhlichen, wenn auch etwas schrägen kinder für ihr anders-sein regelrecht zu hassen. ich hätte es selbst nicht geglaubt, aber vorgestern dann so: ich mal wieder unterwegs in der spießrutenbahn mit eigenem kind und besucherkind. die hundert augen starren wie üblich, vielleicht sogar noch etwas mehr, denn neben absurden lauten gesprächen sind die kinder auch noch von oben bis unten mit farben bekleckst. war wohl spaß heute in der schule, denke ich. die neben mir denkt was anderes, und das laut: „schwein.“ hasserfüllter blick fest auf eins der kinder geheftet, bitterer zug um den mundwinkel und fast wie ein bellen ausgestoßen: „schwein.“

was ich am liebsten gemacht hätte: einen eimer farbe auf die schwein-frau gekippt. was ich am zweitliebsten gemacht hätte: irgendwas mit schmerzen. was ich gemacht habe: nichts von alledem. und daran war nicht in erster linie der umstand schuld, dass ich keine farbe dabei hatte. ich war einfach baff darüber, dass es so wenig braucht, um andere leute wirklich wütend zu machen, und ich war zweifach baff darüber, um wieviel mehr es leute wütend macht, wenn es kinder sind und noch dazu eine mutter dabei steht, die sich noch nicht mal dafür schämt.

und nach vielem nachdenken – und nachdem die mutter des besuchskindes mich darauf stieß, dass die schwein-frau vermutlich selbst ihre anale phase nicht durchleben durfte etc. – da dachte ich: du arme arme schwein-frau. wie groß muss dein opfer gewesen sein, das du bringen musstest um so zu sein wie andere dich wollen, dass du es nicht erträgst, dass da ein kind ist, dem es wurscht ist, ob die anderen es „zu schmutzig“ finden. zu schmutzig wofür? wir waren am nachmittag nicht bei königs eingeladen. gibt es ein „zu schmutzig für die straßenbahn?“ okay, vielleicht ist andere vollstinken oder abfärben doof, aber das war beides nicht der fall. wo sind denn die grenzen der anderen, die nicht nur konvention sind? was mache ich, wenn andere sagen „mit dem bruch einer konvention übertrittst du meine grenze“? muss ich das akzeptieren? wie subjektiv darf so eine grenze sein, die den anspruch hat, ernst genommen zu werden?

und wieder weist sich, dass es eben gar nicht so leicht ist mit der freiheit. die grenzen der anderen als die grenzen der eigenen freiheit zu akzeptieren ist ja ein spitzengrundsatz,  aber wenn die anderen scheiß grenzen haben, stehe ich ganz schön blöd da… wenn also jemand ein besseres freiheitsmodell zu bieten hat, so auf die schnelle – her damit, danke.


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~ von superjule - Juni 14, 2012.

16 Antworten to “schwein.”

  1. Dein bisher bester Beitrag! Danke 🙂 Oh mann, wie ich diese Bahnfahrten hasse, auch wenn es ja mit den Jahren einfacher wird.

    • oh, danke für die blumen! vielleicht schreibe ich mich schneckenlangsam warm… eine andere unserer schulmütter meinte in der bahn kürzlich grinsend zu mir „ist wie im zoo“, und ich so: „und ich weiß auch auf welcher seite der stäbe“. ist aber eigentlich auch ne gute übung um die eigene mir-egal-was-die-von-mir-denken-sache zu trainieren *g*

  2. ich fand‘ eigentlich immer:
    nach aktivitäten schmutzige kinder = glückliche kinder
    wenn lasse also aussah wie ein erdferkel hab‘ ich mich immer besonders stolz umgesehen, ob das auch alle bemerken…..;-)
    bleib‘ ruhig bei deinem freiheitsgedanken… klingt für mich plausibel – grenzfälle gibt’s immer und müssen wahrscheinlich immer einzeln bewertet werden.
    grüßle von dudel

  3. Ich bezweifle, dass diese Frau ebendiese Beschimpfung auch an den vor einigen Wochen neben mir sitzenden, nach Alkohol, Urin und Erbrochenem riechenden Mitfahrer gerichtet hätte, der all diese Geruchsverursacher auch optisch auf seiner Kleidung verteilt hatte.

    Aber einem Kind wagt sie so etwas hinzuschleudern?

    Ich glaube nicht, dass ich die Ruhe als Mutter bewahrt hätte.

  4. hi, ich lese hier nicht regelmäßig. bin durch zufall drauf gestoßen. hier einige gedanken, wenn’s genehm ist:

    ich mag den song, aber mitfahrer können ja nicht wissen, was mit „arschloch“ gemeint ist und ich fänd’s auch nicht toll, wenn das ein kind in der u-bahn „ruft“. arschloch an sich ist eins der weniger schlimmen schimpfwörter, die man da so zu hören bekommt aber was eben leute dazu bringt gerade bei kinder so „komisch“ zu werden, ist wahrscheinlich, dass sie denken, bei denen noch was bewirken zu können, im gegensatz zur erwachsenen saufnase. von daher… die arschloch geschichte ist etwas schwieriger.

    die „schwein-geschichte“ ist allerdings ganz einfach! hier gab es überhaupt keinen grund. wenn die schwein-frau sich gestört fühlen muss, es aber objektiv nicht ist, dann soll sie das für sich behalten! HALLO? was macht das denn mit einem kind (sofern es das mitkriegt), wenn es von einem erwachsenen, von dem man etwas anderes erwartet, so angemacht wird?!

    ich nehm mir in so situationen immer vor, dass ich mir für’s nächste mal was zurecht legen.
    gut kommt immer, etwas direkt, offen und laut vor allen anderen anzusprechen.
    zum beispiel ganz freunlich: „entschuldigen sie, haben sie mein kind gerade „schwein“ genannt?“
    dann MUSS sie ja was sagen. oder sie macht sich vor allen anderen lächerlich. und wenn sie dann was sagt einfach weiter freundlich nachfragen.

    ich weiß, ist schwer!!!

    • danke fürs feedback!
      erst mal zur schweinfrau: es ist nicht so, dass ich nichts gemacht habe, das war vielleicht missverständlich. ich habe sie angeschaut und habe zu ihr nur gesagt „ich habe gehört, was sie zu meinem sohn gesagt haben“ (auch wenn sich ihr kommentar auf das andere kind bezogen hat, wollte ich da keinen unterschied machen). sie hat sich daraufhin an das andere ende des wagens gesetzt. ich habe aber nichts gemacht, das in meinen augen vielleicht angemessener gewesen wäre – was laut ist, zum beispiel, was andere leute darauf hinweist, was sie gerade gemacht hat. das hatte zwei gründe – der eine eben, dass ich so baff war, der andere aber auch, dass die kids die situation gar nicht so genau mitgeschnitten haben. wenn ich gemerkt hätte, dass sie die situation realisiert haben, hätte ich schon allein deshalb lauter reagiert, damit sie merken, dass das auch von mir nicht in ordnung gefunden wird. aber klar: hinterher sind mir tausend gute sachen eingefallen, die ich hätte sagen können. beim nächsten mal dann… 😉

      zu dem „arschloch“-beispiel schreibst du:

      dass sie denken, bei denen noch was bewirken zu können, im gegensatz zur erwachsenen saufnase

      genau das finde ich problematisch. es ist nicht aufgabe irgendwelcher leute in der bahn, an meinem kind rumzuerziehen. und genau das finde ich grenzüberschreitend. es ist nicht meine aufgabe, meine mitmenschen zu erziehen, egal wie alt sie sind. wenn jemand was macht, das mich stört, dann sage ich das, unabhängig von alter, geschlecht, kultureller zugehörigkeit. und dabei geht es nicht darum, den anderen zu erziehen, sondern meine persönlichen grenzen klar zu machen. der punkt, der mich stört, ist genau, dass man dabei unterscheidet, ob es ein erwachsener mensch ist oder ein kind. das heißt also: es geht eben nicht um eigene grenzen, sondern um erziehen. und da ich mit erziehen im allgemeinen schon sehr vorsichtig bin 😉 finde ich es unerhört, dass sich auch noch andere leute einreden, allein dass sie erwachsen sind befähige sie, erzieherisch auf (eigene und) anderer leuts kinder einzuwirken. dabei muss ich nach einer kritischen überprüfung der erwachsenenwelt feststellen, dass viele erwachsene im vergleich zu meinem sohn auch schon im ist-zustand eine verdammt schlechte figur machen 😉

  5. Wozu die SZ alles gut ist… Durch sie habe ich Deinen Blog gefunden. 🙂 Zwei Dinge zu dem tollen Artikel: Einen brauchbaren Freiheitsbegriff habe ich im Buch „Illusionen“ von Richard Bach gefunden. Jetzt ist es schon spät, ich suche Dir morgen auch gern noch die genaue Seite raus. Aber das Buch lohnt sich sowieso. Und zur Reaktion: Sehr hilfreich finde ich es den anderen (in diesem Fall die Schwein- Frau) freundlich entgeistert anzuschauen und – ebenfalls sehr freundlich – zu sagen: „Wissen Sie, was ich gerade verstanden habe? Ich habe verstanden, daß Sie meinen Sohn ein Schwein genannt hätten!“ 🙂 Viele Grüße von einer Mutter von zwei entzückenden kleinen Schweinchen

  6. Richard Bach: Die Abenteuer eines Messias wider Willen, Ullstein 1989

    • danke für den tipp! (hab es ent-linkt wegen „kauft im buchladen eures vertrauens“ 😉 )

      • Alles klar. Ich finde die Links immer praktisch um Mißverständnisse auszuschließen. Wenn Du einen Buchladen Deines Vertrauens hast (und genug Geld für neue Bücher) um so besser. Hier auf dem Land ist das nicht so einfach. Außerdem versenden inzwischen viele kleine Buchhandlungen und Antiquariate über´s Internet. Ich weiß es, ich habe selbst lange in so einem kleinen Antiquariat gearbeitet, ohne den Versand über´s Internet hätte es gar nicht überleben können. Ich schaue eigentlich immer erst bei bookbutler (Preisvergleich – wo ist das Buch am billigsten) und dann eventuell noch bei ebay und dem ZVAB, die werden nämlich bei bookbutler nicht mit erfaßt. Neue Bücher kaufe ich sowieso nur im Ausnahmefall. Liebe Grüße von Julia

  7. „gänzlich verpasse ich dann die verständniskurve, wenn wildfremde menschen anfangen, die fröhlichen, wenn auch etwas schrägen kinder für ihr anders-sein regelrecht zu hassen“

    Der Entwicklungspsychologe Arno Gruen hat eine aufschlusreiche Erklärung für diesen Haß. Verkürzt zusammengefasst: Menschen wie diese Schwein-Frau hatten eine Erziehung die ihnen nicht erlaubte sie selbst zu sein und sich auszuleben. Wenn sie nun Kinder sehen, denen das erlaubt wird, sehen sie in ihnen das, was sie selbst nicht sein durften und als etwas fremdes und schlechtes abspalten mußten. Und das erzeugt Eifersucht und damit Haß. Fremdenhaß hat den gleichen Ursprung.

  8. da habt ihr ja aber „Glück“ gehabt, dass die Schweinfrau nicht gleich auch noch zugeschlagen hat – wie dieser durchgeknallte Typ : http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/laermbelaestigung-mann-schlaegt-im-zug-auf-fremdes-kleinkind-ein-a-849793.html

  9. Also bei deiner Einleitung komme ich nicht ganz mit. Wenn dein Kind in der Bahn rumschreit und das offensichtlich einige Mitfahrer stört, ist das ok? Die Begründung finde ich ziemlich schwach. Wenn die was machen was stört, dann darf er das auch? Wenn unsere Grenzen überschritten werden, dann machen wir es doch einfach genauso? Für mich nicht nachvollziehbar.
    Damit kann man ja eigentlich jedes Verhalten rechtfertigen, es sei denn alle anderen Mitfahrer würden sich perfekt rücksichtsvoll verhalten?!?

    Ansonsten hast du schon recht, die Leuts mischen sich bei Kindern immer sooo gerne ein und es nervt kollossal!

    • es geht nicht darum, ob es okay ist – ich finde es etwas komplexer. ich kann gleichzeitig auch nicht (wie ich hier auch noch geschrieben habe) nicht jede willkürliche grenze von „das stört“ akzeptieren. mir geht es darum, dass ein kindliches verhalten, das stört, von den erwachsenen umgehend „abgestellt“ werden will, wohingegen jedes erwachsene nervverhalten ohne weiteres akzeptiert wird.

      • In dem Fall wäre ich aber wirklich dafür das Nervverhalten der Erwachsenen in den Griff zu kriegen, anstatt den Kindern ihr Nervverhalten zu erlauben.
        Was die Bewertung betrifft: Was nervt wirklich, was ist nur Getue gebe ich dir Recht. Da sollte man schon mal überlegen, ob es nicht vielleicht reicht einfach weg zu schauen. Bei Geräuschen in der Enge von öffentlichen Verkehrsmitteln geht das leider nicht so einfach. Da würde ich dann vielleicht überlegen: Ist das jetzt eine Einzelmeinung oder geht es der Hälfte aller Mitfahrer auf den Senkel?
        Naja, mir hat es halt nicht gefallen, dass du das Rumgenerve deines Kindes in Schutz nimmst – muss mir ja auch nicht alles gefallen was du schreibst 😉

      • aber ich sage ja nicht, dass es nicht nervt, ich sage ja nur, dass das nicht grund genug ist, um zu „erziehen“ – mein kind nicht, und die nation auch nicht ;-). ich finde, menschen nerven tendenziell immer. sie machen geräusche, reden dummes zeug, machen ein miesgelauntes gesicht, hören scheiß musik, riechen komisch oder was weiß ich noch alles. und irgendwie finde ich auch gleichzeitig: okay, das sollen sie alles dürfen, egal ob sie groß sind oder klein. nerven ist menschlich 😉

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