die sache mit der tyrannei.

im österreichischen „sonntag“ gab es am wochenende mal wieder ein interview mit jesper juul. ich schrieb ja schon, dass mir der juul-hype inzwischen ziemlich auf die nerven geht, auch wenn mir ein juul-hype natürlich lieber ist als ein winterhoff-hype. in dem interview jedenfalls ist wieder so einiges, das ich nicht mag. natürlich kann man juul nicht vorwerfen, immer wieder dieses komische tyrannen-fass aufzumachen. aber mich überrascht, wie bereitwillig er sich auf fragen einlässt, die die beziehung zwischen eltern und kind(ern) ganz der machtfrage unterwerfen:

Aber besteht dann nicht die Gefahr, dass Kinder zu Tyrannen werden, die nie das tun, was sich ihre Eltern wünschen?

Juul: Keine Frage: Kinder brauchen Führung. Um stark zu werden, brauchen sie Eltern mit einer sehr guten persönlichen  Autorität. Eltern, die mehr oder weniger genau wissen, was sie wollen.

Ein Beispiel: Eine Mutter erzählt mir, dass sich ihre zweieinhalbjährigen Zwillinge nicht mehr vom Vater anziehen lassen wollen. Was soll sie tun? Meine Antwort ist: Man schaut seine Kinder freundlich an und sagt: Liebe Kinder, das entscheiden wir!

die botschaft, die dahintersteckt, ist keine andere als die uralte: ich bestimme, weil ich erwachsen bin. sehr freundlich, vielen dank. und nein, so ein problem finde ich auch nicht einfach zu lösen – ich kenne ähnliche situationen. aber nur weil es so ungemein praktisch ist, kinder daran zu gewöhnen, keinen anspruch auf eine begründung zu haben, ist das noch lange nicht richtig oder freundlich. ich finde das ausgesprochen unfreundlich.

bei uns ginge das vermutlich ungefähr so: „kind, das mag sein, dass du dich von mir und nicht vom vater anziehen lassen willst. ich habe aber keine lust / keine zeit / keine nerven / bin nicht dran [insert wahren grund]. du kannst dich also wahlweise selbst anziehen oder vom vater anziehen lassen oder im schlafanzug aus dem haus gehen. und hör auf mich deshalb zu treten.“ oder so. ich biete ihm wahlmöglichkeiten. und das gespräch kommt dann tatsächlich nicht selten auf die metaebene von „ja, ich weiß, manchmal kann man sich nur zwischen pest oder cholera entscheiden. ich könnte heute auch nur ins büro oder von zu hause aus arbeiten, auch wenn ich lieber den ganzen tag im bett bleiben würde“, und wir sind dann verbündete im frust über das müssen. und ebenfalls nicht selten läuft so eine situation eben nicht so gut – le kind wird richtig sauer über das müssen. ist also nicht der friede-freude-eierkuchen-weg, und harmonie sieht dann auch ganz anders aus. aber ich finde es aus respekt dem kind gegenüber alternativlos, erklärungen abzuliefern, die noch dazu einigermaßen haltbar sind. das halte ich in meinen anderen wichtigen beziehungen auch so.

Juul: Um die Fähigkeit Nein zu sagen überhaupt entwickeln zu können, muss man Vorbilder haben. Tyrannen innerhalb einer Familie entstehen nur, wenn Eltern nicht führen wollen oder können und wenn sie es nicht schaffen, die Verantwortung zu übernehmen. Dann übernehmen die Kinder die Macht.

das scheint eine wirklich schlimme schlimme sorge zu sein: kinder, die die macht übernehmen. wenn ich mir aber meine anderen zwischenmenschlichen beziehungen ansehe, fällt mir auf: da stelle ich mir die machtfrage nicht. wenn ich in einer liebesbeziehung immer hinterfrage, wer denn gerade wie mächtig ist, dann stimmt mit meiner beziehung einiges nicht. bei meinen freundschaften stelle ich mir diese frage auch nie. im verhältnis zu meinen eltern stelle ich mir die frage – immer dann, wenn es gerade nämlich schlecht läuft. wenn etwas oder jemand macht über mich hat, ist das nix gutes. und jetzt soll ich aber ausgerechnet in der mir wichtigsten beziehung die machtfrage stellen? und obacht: wir lernen auch, dass kinder die macht, erwachsene aber die verantwortung übernehmen… dabei kennt man das auch anders. kinder, die gezwungen sind, mehr verantwortung zu übernehmen als sie tragen können, weil die eltern es nicht gebacken kriegen.

aber das ist hier nicht das thema, hier geht es um die vermaledeite angst vor der tyrannei. tatsächlich glaube ich auch ans führen durch vorleben. ich glaube nur nicht an eine bedrohung durch machtübernahme durch kinder. macht kann nur übernommen werden in einem setting, in dem ein platz des mächtigen vorgesehen ist. und wenn ich es mal wieder nicht schaffe, meine bedürfnisse zu artikulieren, oder wenn ich es mal wieder nicht schaffe, meine persönliche grenze zu ziehen, dann übernimmt mein kind nicht die (dunkle seite der) macht (*huhuhuhuuuu*), sondern ergreift die initiative und macht eben, was er für richtig hält (und was ich nicht selten in die kategorie „scheiß“ sortieren würde). ihm geht es dann darum, das machen zu können was er will. mich dabei zu dominieren ist sicher nicht sein ziel – ich bin in dem zusammenhang einfach wurscht, hauptsache, ich störe nicht.

Juul: Eltern müssen wissen, dass Kinder nicht wissen, was sie brauchen, sondern nur was sie wollen. Sie kennen ihre Wünsche, nicht aber ihre Bedürfnisse.

das ist genau so eine juul’sche spitzfindigkeit mit aphorismuscharakter, die dann als weisheit durchs netz zieht. kann sein dass ich zu blöd bin das zu verstehen, oder kann sein dass mein kind ungewöhnlich begabt ist – er weiß jedenfalls, wann er hunger hat und wann er friert. und wann er müde ist. kinder sind nur klein, nicht blöd. ich finde es ganz schön frech zu behaupten, man kenne die bedürfnisse eines anderen menschen besser als er selbst. damit drückt man sich häufig nur davor zuzugeben, dass es um die eigenen bedürfnisse geht.

ein klassisches beispiel: die gretchenfrage „jacke an oder jacke aus“. mein kind zieht keine jacke an, wenn es nicht wenigstens minusgrade sind, am besten zweistellige. (viel zu) lange habe ich mich rumgezankt und so lange gezetert, bis er die jacke angezogen hat, weil es vermeintlich „zu“ kalt war. nach Juul hieße das: das kind will ohne jacke, ich weiß aber, dass es eine jacke braucht und sollte deshalb dann mal ordentlich führen. nun ja, eigentlich ist es aber so, dass ich brauche, dass er eine jacke anzieht, damit ich mir keine sorgen um seine gesundheit mache. der kompromiss, mit dem wir beide leben können, ist die jacke, die immer „für den fall dass dir kalt wird“ mitgenommen, aber dann nie genutzt wird. natürlich nörgle ich noch im fünf- bis einminutentakt (je nach temperatur) „bist du sicher, dass du nicht…“ – allein, es nützt nichts. die jacke wird nicht angezogen wenn er nicht friert, und ich muss feststellen, dass das jetzt schon den zweiten herbst-winter-frühling-komplex ohne gesundheitliche schäden funktioniert hat. wer kennt denn da wessen bedürfnis nicht? er kennt sogar mein bedürfnis nach nörgelei, damit ich mich als führende, aktive mutter fühlen kann, und lässt sie deshalb geduldig (und mit gelegentlichem augenrollen) über sich ergehen.

davon abgesehen steht übrigens auch mal wieder einiges sehr lesenswerte in dem interview. meine lieblingsstelle ist die hier, um dann doch noch mit was schönem abzuschließen:

Juul: Es ist ein altes Missverständnis unter Eltern und Fachleuten, dass es wichtig ist, konsequent zu sein. Das ist überhaupt nicht wichtig. Was wichtig ist, ist konsistent zu sein. D. h. ich tue das, was ich glaube. Mein Verhalten stimmt mit meinen Wertvorstellungen überein.

ein alter hut, der nicht oft genug getragen werden kann.


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~ von superjule - April 23, 2012.

2 Antworten to “die sache mit der tyrannei.”

  1. Ich bin auch immer wieder überrascht, was Juul in Interviews so von sich gibt. Das passt so gar nicht zu dem, was ich aus seinem Buch „das kompetente Kind“ noch in Erinnerung habe. Schon der Buchtitel widerspricht dem, was er im Interview über das nichtwissen ihrer eigenen Bedürfnisse sagt. Ich muß das Buch wohl nochmal lesen.

  2. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Juuls Konsistenz scheint sich der breiten Masse anzupassen. Auf diesem Wege findet er vielleicht mehr Gehör bei jenen, die sich von der Antipädagogik abschrecken lassen.

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