werd‘ pazifist oder ich schieße.

knarren waren bei mir zu hause verboten. also nicht nur echt schlecht angesehen, sondern schlicht: nicht erlaubt. während kreti und pleti mit ihren revolvern fröhlich peng, du bist tot krähten, und sei es auch nur zu fasching gewesen, musste ich mir erklären lassen, dass „indianer“ eine definitiv bessere verkleidung sei als „cowboy“: man stehe auf seiten der entrechteten und ausgebeuteten, und außerdem, noch besser, man bräuchte noch nicht mal eine knarre. ein tomahawk sei eine ohnehin viel coolere waffe. die unregelmäßigkeit in der argumentation, durch die skalpieren zu einer viel feineren sache als abknallen wurde, fiel dabei nicht weiter auf und ins gewicht; meine eltern waren pazifisten. (anmerkung I: es steht zu befürchten, dass die vorstellung kinder, die mit waffen spielen, werden nie gute pazifistInnen nach wie vor bestand hat.)

ich habe mir damals mit stöcken beholfen, war demnach auch bewaffnet, aber eben schlecht, was mich frustriert hat. ob ich wirklich trotzdem pazifistin geworden bin, in dem sinn, dass ich mir keinen konflikt vorstellen kann, bei dem bewaffnete auseinandersetzungen zwingend notwendig sind, kann ich nicht sagen; aber krieg finde ich so ganz allgemein und meist auch speziell überhaupt nicht in ordnung. meinen frust dagegen, nie einen dieser wunderbaren revolver besessen zu haben, der sitzt heute noch (wenn auch nicht mehr ganz so brennend… anmerkung II: gegen die überwindung eines ich-durfte-nie-traumas hilft es, bei jeder kirmes geld dafür zu bezahlen, mit manipulierten luftgewehren knapp an plastikrosen vorbei zu schießen.)

also war von vornherein klar: mit meinem kind wird das anders gemacht. ich finde spielzeugwaffen zwar tatsächlich heute auch abstoßend (anmerkung III: wer vor hat, im umgang mit dem sich bewaffnenden eigenen kind locker zu sein, sollte sich nicht zu sehr mit dem thema „kindersoldaten“ beschäftigen); da mein kind aber durch eine spezielle regelung der schule über vergleichsweise wirklich üppiges taschengeld verfügt (dazu schreibe ich bestimmt noch mal was), kann er selbstständig tief in die bunte waffenwelt eintauchen, ganz ohne meine unterstützung. und jetzt stehe ich da und grüble. inzwischen hat mein kind zwei widerlich-täuschend-echte maschinengewehre mit ratatatata-geräusch und blinkendem mündungsfeuer, eine halbautomatische pistole, zwei klassische trommelrevolver, eine winchester, und dann noch einige waffen aus dem reich der fantasie – laserkanonen, riesige wasserpumpguns und so weiter. die laserschwerter zähle ich jetzt großzügig nicht dazu, die ballern nicht (ich gebe zu, da erkenne ich eine analogie zu der mangelnden argumentationslogik meiner eltern – tod durch laserschwert ist für mich nicht so verachtenswert wie tod durch schusswaffen).

tja, worüber grüble ich jetzt? dass ich doch irgendwie das gefühl habe, dass da „was schiefgelaufen“ ist, weil er waffen so toll findet? dass ich es nicht schaffe, abzuschütteln, was meine eltern mir vermittelt haben? oder dass ich mich dabei ertappe zu hoffen, dass sein interesse für waffen einfach endlich weniger statt mehr wird? dass ich es nicht einfach nehmen kann wie es kommt? keine ahnung. darüber grüble ich auch noch.


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~ von superjule - April 9, 2012.

5 Antworten to “werd‘ pazifist oder ich schieße.”

  1. Das haben wir auch hinter uns. Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht daran erinnern, ob ich Pistolen haben durfte, vermutlich schon, sonst würde ich mich dran erinnern, und trotzdem sind mir Waffen so dermaßen zuwider, dass ich noch nicht mal auf der Kirmes damit schieße. Mein Sohn hatte eine ähnlich Phase, obwohl er die nicht so ausleben konnte, da er ja nicht auf der Verrücktenschule war und deshalb kein so üppiges Taschengeld hatte, und vielleicht beruhigt es dich, dass er jetzt nicht mehr besonders heiß auf Waffen ist, ein Laserschwert ist natürlich was anderes…
    Schöne Grüße
    Esther

  2. […] die kollegin sagt: wieso soll dein kind knarren scheiße finden? dein mann rannte das letzte mal, als ich bei euch war, spielzeugbewaffnet durchs haus. der mann […]

  3. Wie ist das mit dem Taschengeld und der schönen Schule? Wo ist da der Zusammenhang? Kriegen die Schüler ihr Geld von der Schule ausgezahlt? Oder verkaufen sie gemeinsam irgendwas? VIelleicht mal ein Thema für einen eigenen Post.

    • hallo julchen, ich sitze gerade tatsächlich an einem beitrag über kinder und geld, da werde ich dazu noch was erzählen. sobald der alltag mich mal aus den klauen lässt 🙂

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