das halbe hähnchen.

•Juli 31, 2015 • 4 Kommentare

*uaaaah*, und da ist die nächste folge dieser kolumne im sz-magazin, und ich kann die finger nicht mehr still halten. das ist ja das schöne, wenn eine antiautoritär ist: dann kann sie sich ja auch selbst erlauben dort, wo es eigentlich ums kind geht, einfach auch mal was über mutterschaft zu schreiben. jedenfalls kann sie es sich nicht verbieten, schätze ich. und jetzt halte ich dieses geheule nicht mehr aus, es reicht.
das sz-magazin hat eine neue kolumne; „die teilzeit-mutter“ heißt sie. und ja, ich habe die kolumne gelesen, weil ich selbst in ähnlicher situation bin wie die autorin lisa frieda cossham. oder eben ganz und gar nicht.
die autorin hat sich vom partner getrennt. nach einem den leserInnen nach wie vor ziemlich unklaren prinzip (ich vermute: im wochenwechsel) teilt sie sich die fürsorgearbeit mit dem kindsvater. so weit so unspektakulär, sollte man meinen, aber vielleicht kein schlechter abgleich zu den eigenen trennungsbefindlichkeiten.
wer sich interessante einblicke in das leben einer mehr oder weniger frisch getrennten mutter erhofft hat, wird allerdings enttäuscht. und wer gar schon mal ein bißchen vorfühlen wollte, wie das wohl werden wird, weil die eigene trennung absehbar ist, wer also auf der suche nach vielleicht nicht positiven, aber zumindest akzeptablen perspektiven nach der trennung ist, wird danach lieber „schneller schmerzloser tod“ googeln wollen. in der hauptsache erfahren wir nämlich:

1. wie eine richtige mutter zu sein hat
denn nach eigenen angaben ist die autorin nur „halbe mutter“. dabei leidet sie keineswegs an irgendeiner tragischen amnesie, die verhindert, dass sie sich ihrer mutterschaft erinnert, kaum dass die kinder aus ihrem blickfeld sind. nein, im gegenteil möchte sie alles wissen, am besten noch, wann welches kind welchen atemzug tut. „die verlorene hälfte lebenszeit rekonstruieren“ nennt sie das, jenseits der tatsache, dass es auch so was gibt wie schule, freundInnen, hobbies, bei denen die kinder ja nun auch tun, was sie wollen. (und: privatsphäre, übrigens.) außerdem: verloren für wen? das ist doch die lebenszeit der kinder, und die haben sie doch gehabt. oder ersetzt das leben ihrer kinder ihr eigenes? sie schämt sich jedenfalls, wenn ihr einfällt, dass sie nicht weiß, was ihre kinder gerade machen. obsessiv darf man das wohl nennen. man kann sich leicht ausrechnen, was von so einer halben mutter überhaupt noch übrig bleibt, wenn die kinder dann eines tages sogar ganz ausziehen.
„Ich habe Angst, ich könnte eines Tages in der gleichen Bahn sitzen [wie meine kinder], sie zufällig treffen. Ich würde sie begrüßen, und dann müsste ich vor den anderen Fahrgästen fragen, was doch jede Mutter eigentlich weiß: was ihre Kinder da machen.“ jede mutter, nämlich. mütter von teenagern zählen offensichtlich eh schon nicht mehr; denen passiert das regelmäßig. väter zählen ohnehin ganz und gar nicht – dass ein vater abends klassisch von der arbeit kommt und keine ahnung hat, was seine kinder den ganzen tag gemacht haben, gilt vielleicht als abgemacht. und natürlich gelten auch alle anderen mütter nicht, die sich die sorgearbeit mit dem getrennt lebenden kindsvater in irgendeiner art und weise teilen. sind ja auch nur über anderthalb millionen haushalte allein in deutschland, in denen kinder getrennter eltern leben. selbst wenn wir davon ausgehen, dass es darunter zahlreiche fälle gibt, bei denen sich ein elternteil überhaupt nicht mehr für die kinder verantwortlich fühlt – mithin die kinder nie bei bzw. mit dem anderen elternteil sind – bleiben da doch schon ganz schön viele frauen übrig, denen das passieren könnte – die das „eigentlich“ eben nicht wissen. I don’t see the drama in das ganze. ätzend wird es nur, wenn eine solche behauptung – „eine mutter weiß das eigentlich“ – nicht nur der halben autorin, pardon, mutter, sondern einer siebenstelligen zahl anderer frauen abspricht, eine „richtige mutter“ zu sein.

2. wie eine nicht-richtige mutter sich rund um die uhr fühlt
nämlich: leer und verlassen. jeder handgriff ist auf einmal bedeutungsschwer, weil die kinder weg sind. sie liebt auf einmal so einen mist wie elternabende, weil sie sie „ihren kindern nah sein lassen“, weil sie sich in den klassenzimmern „vergewissern kann“, dass sie „ihre mutter ist“. vielleicht sollte sie es sich irgendwo auf einen zettel schreiben, falls sie so vergesslich ist. dann könnte sie sich zumindest die elternabende sparen.
die halbmutter kriegt auch schmerzen, wenn die kinder auf einmal kürzere haare haben, und sie davon überrascht wird. ich für meinen teil bin immer erleichtert, wenn mein ex den friseurbesuch übernimmt; mir fehlen keine tiefsinnigen gespräche mit dem kind über haarlängen, aber vielleicht bin ja auch ich die komische. denn so wie es sie emotional auch eiskalt erwischt, wenn die kinder über andere kinder sprechen, deren namen sie noch nie gehört hat, würde ich mir bei manchen wünschen, ihre namen nie wieder hören zu müssen.

3. was eine nicht-richtige mutter nie hat
nämlich: spaß. ich weiß nicht, woher lisa frieda cossham eigentlich die zeit nimmt, hinter den kindern her zu heulen, bis sie sie das nächste mal sieht. ich für meinen teil bin in meiner kinderlosen zeit so sehr mit sachen – darunter: viele schöne – beschäftigt, die ich auch nur in dieser zeit machen kann, dass ich dafür gar nicht die zeit finden würde. wann soll ich denn bitte zwischen verabredungen, im netz stromern, putzen, ausschlafen, einkaufen, lesen, cocktailbars, musik, schreiben, lang arbeiten, bier öffnen oder serien gucken noch wehmütig auf leere betten starren oder mit tränen in den augen an gebrauchter kleidung schnüffeln?

ja, ich weiß, das liest sich alles garstig. die arme frau. dabei hätte ich gar nichts dagegen, wenn jemand so etwas schreibt mit einer haltung „verdammt, ich hab mich getrennt, und ich komme gar nicht klar, ich hab probleme, ich brauche hilfe“. mit einer haltung, die raum lässt für ihre erkenntnis, dass sie vielleicht auch ganz schön viel kinderthema projiziert in die leere, die eben nun mal da ist, wenn man so mitten im leben seinen lebensplan umschmeißen und neu stricken muss. dann könnte ich so was viel besser ertragen. so liest es sich aber nicht. es liest sich als „das ist eben, was frauen blüht, die sich trotz kindern trennen“.

liebe frauen, die ihr vielleicht auf der suche nach ogottogott-wir-werden-uns-trennen-mein-leben-ist-vorbei erst auf die kolumne, dann auf das hier gestoßen seid: trennung ist nicht lustig. sich daran zu gewöhnen, nicht mehr mit dem kind / den kindern jeden (all)tag zu teilen ist hart. und trotzdem ist es (vermutlich oder hoffentlich…) für die meisten nicht dieses unendlich öde jammertal, als das es die „teilzeit-mutter“ verkauft. für mich ist es das jedenfalls nicht. es bringt auch vorteile, wenn ihr euch nicht den kopf vollstopft mit „was ich für eine mutter sein sollte und was ich für eine bin“. trennungen sind nicht schön, aber sie passieren. auch einer „richtigen“ mutter. ihr werdet nicht automatisch nach einer trennung zur halben portion. und euer kind kann es auch gut haben, wenn ihr gerade nicht dabei seid. es kann tatsächlich auch mächtig spaß mit seinem vater haben und euch überhaupt nicht vermissen. das ist prima. und es macht für das kind überhaupt keinen unterschied, ob ihr euch in eurer (oder seiner) abwesenheit die augen aus dem kopf heult, oder ob ihr die beine hochlegt und mit einer freundin vier folgen „the wire“ am stück schaut und dabei pizza aufs sofa schmiert. außer vielleicht den, dass eine mutter, die gelegentlich spaß hat, angenehmer zu haben ist als eine mutter, die sich den ganzen tag mit ihren schuldgefühlen unterhält.

wenn man trotzdem lacht.

•April 1, 2015 • 3 Kommentare

vor einiger zeit ärgerte ich mich bereits über einen fleißig geteilten beitrag in sozialen netzwerken. und wie das im netz so ist: da ist ärger eben nie vorbei, weil jede sau – in diesem fall: jedes video – immer mal wieder durchs dorf getrieben wird. dieses video wird sowohl von denen, die es teilen, als auch von denen, die es kommentieren, ziemlich abgefeiert. und dabei sind das in der regel eigentlich keine leute, die sich über den umgang mit kindern noch nie gedanken gemacht haben. um dieses video geht es:

ein kind, geschätzte maximal drei jahre alt, fährt einem (fremden) erwachsenen an der supermarktkasse mit dem einkaufswagen in die hacken. der erwachsene (nicht ganz im bild) sagt dem kind offensichtlich, es solle damit aufhören. das kind lacht, macht weiter, immer mit blick auf den erwachsenen. der erwachsene nimmt eine milch aus dem einkaufswagen und kippt sie über das kind. die mutter des kindes mischt sich zu keinem zeitpunkt ein. ende der geschichte.

die kommentare dazu im netz sind erstaunlich. ich präzisiere: erstaunlich fände ich sie nicht in anderer leuts filterbubble; ich finde sie erstaunlich in meinem umfeld. da, wo man denkt, eine ohrfeige habe noch niemandem geschadet, würde ich mich nicht wundern. dort wo ich sie lese, offenbaren sie einen überraschenden mangel an, ja was? empathie (in diesem zusammenhang besonders ironisch)? grob lassen sich die kommentare wie folgt sortieren:

1. „geschieht ihm recht“. „kleine mistkröten sind kleine mistkröten“. „karma, baby.“ „super typ“.
diese kommentare könnten sinn machen. denken wir uns die situation mit einem nervigen erwachsenen, am besten zwei meter groß und breit, der dem anderen erwachsenen mehrfach in die hacken fährt. was übrigens nicht selten passiert. und der super typ kippt ihm ungerührt dafür milch über den kopf. geschieht ihm recht, und ist von dem milchkipper eine gelungene, gar mutige aktion. hier geht es aber um ein kind, maximal drei jahre alt. selbst wenn sich die entwicklungspsychologie noch uneinig ist, ab wann so etwas wie empathie beginnt, sich zu entwickeln (die einschätzung von piaget, vor dem fünften lebensjahr sei da nichts zu erwarten, ist wohl in ihrer absolutheit inzwischen widerlegt): dass empathie, und damit die fähigkeit, zu verstehen, was man anderen mit einer handlung antut, etwas ist, das sich entwickeln muss und das bestimmte voraussetzungen braucht, ist inzwischen unstrittig. das kind ist keine besondere mistkröte, es hat nix „verdient“; das kind ist genau so, wie kinder in dem alter sind: es sucht nach grenzen, es wählt merkwürdige wege der kontaktaufnahme, es /kann/ noch nicht vollumfänglich begreifen, was es da tut. nicht, weil es nicht will; nicht weil seine mutter bislang unfähig war, sondern weil es noch klein ist und lernt. geschieht ihm recht, die milch über dem kopf, die nassen klamotten und die öffentliche demütigung – was ist es auch so klein und unfertig? super typ, der sich gegen jemanden, der noch nicht mal halb so groß ist, nicht anders zu helfen weiß, als seine überlegenheit so auszuspielen? well…

2. „antiautoritäre erziehung muss ihre grenzen haben“. „am schlimmsten die leute, die so eine erziehung verbrochen haben“.
dass hier natürlich wieder der dummsinn auftaucht, antiautoritäre erziehung bedeute, kinder dürften tun und lassen, was immer sie wollten – damit ist zu rechnen. vermutlich googeln die leute noch nicht mal „antiautoritär“, bevor sie wissen was es ist und eine dezidierte meinung dazu haben – egal. warum die mutter unbeteiligt danebensteht, lässt sich in dem video nicht ausmachen, da ihr gesicht nicht zu sehen ist. vielleicht ist sie im gespräch mit jemandem außerhalb des bildes, vielleicht schaut sie irgendwo anders hin, vielleicht ist sie in gedanken versunken, die wir alle nicht kennen, vielleicht ist sie überfordert, vielleicht ist sie auch einfach ignorant. ich weiß es nicht. die kommentatorInnen wissen es natürlich alle. die frau ist unfähig. was man ja schon allein daran merkt, wie sich ihr kind benimmt. ein „gut erzogenes kind“ tut so was natürlich nicht – entwicklungspsychologische erkenntnisse hin oder her. ein kind hat zu funktionieren, am besten ab tag 1, und funktionieren bedeutet: nicht stören. nicht auffallen. nicht nerven. und selbstverständlich haben alle, die kommentieren, funktionierende kinder. oder hätten welche. oder waren zumindest welche.
tja, die mutter. ich denke auch, ich hätte mich an ihrer stelle vermutlich eingemischt. wenn ich es gemerkt hätte, natürlich. wenn ich nicht, s.o., vielleicht woanders hingesehen hätte, mich unterhalten hätte. oder in gedanken versunken gewesen wäre. vielleicht ist mein vater gestern gestorben, vielleicht habe ich mich gerade schlimm mit meinem partner gestritten. vielleicht bin ich gerade doppelbelastet extrem gestresst und bin froh, wenn ich diesen einkauf mit kind, der ohnehin jedes mal aufreibend ist, einfach nur irgendwie hinter mich bringe. aber eine mutter hat zu funktionieren, am besten jeden tag. und alle, die kommentieren, sind natürlich funktionierende mütter. oder wären welche. oder hatten welche.

3. „hahahaha“. „geil“. „ich lach mich weg“.
dieser kommentarlogik kann ich mich, zugegeben, am schlechtesten entziehen. so klingt eine spontane reaktion auf slapstick, und ja, vielleicht haben die leute einfach nicht gut darüber nachgedacht, dass dieses video eben nicht so was hier ist:

sondern echt. und das mit einem echten kind passiert ist.* vielleicht wurden sie einfach nur von diesem kurzen augenblick der tortenschlacht-komik überrascht. geschenkt. die chance, noch etwas nach- (im sinne von: hinterher-) zu denken, darf jedeR gern nutzen. also, am besten bevor man mich dann als verklemmte spaßbremse beschimpft, meine ich. ich verstehe an der stelle keinen spaß, wo sich eine haltung kindern gegenüber zeigt, die ihnen das leben schwer macht.

wer also absolut nicht in ordnung fände, wenn das kind hier von dem fremden eine ohrfeige kassiert hätte – und das nehme ich jetzt mal zugunsten der meisten kommentierenden an – aber gleichzeit dieses video saukomisch findet, hat nicht richtig kapiert, was an einer ohrfeige scheiße ist. da hilft es nix, sich (zurecht) über den papst aufzuregen, wenn der „würdevolles schlagen“ von kindern ganz in ordnung findet. denn selbst da hinkt man noch dem papst hinterher – immerhin hat der zumindest verstanden, dass das problem beim schlagen darin liegt, dem kind die würde zu nehmen, es herabzuwürdigen, es zu demütigen durch die eigene körperliche überlegenheit und den vorsprung durch reflektionsvermögen (auch wenn es natürlich sein geheimnis bleiben wird, wie schlagen ohne „das“ auskommen sollte). ob dem kind jetzt eine gedonnert oder es mit milch übergossen wird: es wird entwürdigt; milch tut nur weniger weh. das darf man saukomisch finden – aber bitte ohne zu glauben, man sei so viel besser als leute, die ohrfeigen mit „geschieht ihm recht“ oder „das kommt davon“ rechtfertigen.

und jetzt wünsche ich mir einfach, dieses kack-video nicht mehr sehen zu müssen. und ein pony.

*ergänzung: vielleicht ist es auch nicht echt, sondern inszeniert. da es so geteilt und kommentiert wird, als sei es echt, spielt das keine rolle.

ich hab nix gegen kinder, aber.

•November 30, 2014 • 3 Kommentare

„ich hab ja nix gegen türken, aber mir gehen türken schon tendenziell mehr auf die nerven als deutsche. wenn ich mit türken rede, verstehen die mich oft so schlecht. und ich kapier‘ manchmal gar nicht, was die von mir wollen.“ bamm. na ja, ganz so war der satz nicht. ersetze „türken“ durch „kinder“ und „deutsche“ durch „erwachsene“, aber ansonsten ging der satz genau so. von jemandem, der selbigen in der türken/deutsche-variante natürlich nie im leben geäußert hätte.
es ist erstaunlich: nicht nur sogar, sondern gerade in einer szene – der nämlich, der ich mich zugehörig fühle – in der immer die sensibilität für und das engagement gegen diskriminierung wie ein fähnchen vor sich her getragen wird, ist diskriminierung von kindern nicht nur okay. es adelt, gewissermaßen. es suggeriert, hier werde besonders emanzipatorisch gelebensmodellt. was ich sonst tue scheint fast scheißegal; solange ich keine eigenen kinder habe und anderer leuts kinder von herzen nicht als menschen ernst nehme, bin ich nicht establishment. oder so ähnlich.
jahrelang war ich davon nur wenig berührt oder fand diese abgrenzerei der ihre frei gewählte kinderlosigkeit mit einer geste der überlegenheit vor sich hertragenden einfach nur wunderlich. inzwischen nervt es intensiv – ich nehme an, dass das daran liegt, dass ich gelegentlich ziemlich schwer von begriff bin. dass ich jahre mit kind gebraucht habe um zu kapieren, dass kinder von diesen leuten (ja, einige meiner besten freunde gehören bedrückenderweise dazu) schlicht diskriminiert werden. so wie der türke, gegen den eigentlich niemand was hat, aber. mensch möge sich einmal so einige standardsätze auf deutsch vs. türkisch übersetzen; vielleicht kommt man dann doch ins grübeln. und falls hier argumente kommen sollten, warum das was ganz anderes sei, dann sollten die besser gut sein. denn kinder sind teil unserer gesellschaft, sie haben eigenschaften, die ihnen gemeinsam sind, sind aber individuell so unterschiedlich wie alle anderen menschen dieser welt. ihre andersartigkeit zum anlass zu nehmen, mit ihnen nichts zu tun haben zu wollen, ist genau genommen ein starkes stück. genau das passiert aber ständig, und das in einer szene, die laut aufschreien würde, wenn sich so ein verhalten auf andere teile der gesellschaft beziehen würde. vermutlich wäre es noch nicht mal wohlgelitten zu sagen „deine oma ist da? ach so, nee, dann komme ich lieber später. ich hab es nicht so mit alten leuten“. aber ein „du, nimm es mir nicht krumm, aber mit kindern kann ich gar nicht“ geht selbstverständlich immer durch. ein ehemaliger freund erklärte zum beispiel ausdrücklich nach mehreren jahren, in denen er zu weihnachten unser gast gewesen war, jetzt, so mit kind mit am tisch, hätte er keine lust mehr zu kommen (ehemalig eben).
und ich ärgere mich häufig über mich selbst. warum erwarte ich, dass über andere gesellschaftliche gruppen aufgrund ihrer herkunft oder ureigensten eigenschaften nicht pauschal geurteilt wird, warum erwarte ich, dass grundsätzlich die gesellschaftliche bereitschaft vorhanden ist, andersartigkeit anzunehmen, zu ertragen und im besten fall als bereicherung empfinden zu können, wende das aber nicht ebenso selbstverständlich auf kinder und ihre akzeptanz zumindest in meiner umgebung an? warum fahre ich jedem über den mund, der sagt „schwule nerven mich“, versuche aber einfach wegzuhören, wenn freunde wieder irgendwelche sprüche darüber machen, wie unerträglich kinder nerven (kein spezielles, sondern eben: kinder, alle)? keine ahnung, aber auch das nervt mich…
besonders nervt, wie dann so getan wird, als habe man sich für das emanzipatorischere lebensmodell entschieden. ich möchte nur mal eben feststellen: es gibt viele faktoren, die bestimmen, wie emanzipatorisch du eben lebst, oder eben auch nicht. welche strukturen du stärkst, wie deine familie gestrickt ist, womit du deine brötchen verdienst, wofür du dein geld ausgibst, ob du wählst (und vielleicht auch wen), wofür du dich engagierst, wie viel zivilcourage du zeigst, wie du liebst, womit du deine zeit verbringst, was du besitzt, wie du denkst, wohin du gehst, wie du solidarität lebst etc.pp. und nein, niemand ist cooler, oder mehr punkrock, oder was auch immer, wenn er/sie bei der deutschen bank die brötchen verdient, aber dafür kein kind hat. ätsch. und nein, es ist kein wettbewerb, denn es gibt kein richtiges leben im falschen, aber: ich hab mit dieser aufrechnerei ja auch nicht angefangen🙂.
besonders irre gelegentlich in dem zusammenhang: punkrocker. menschen, die regelmäßig wert darauf legen, sich nicht vorschreiben zu lassen, wie sie zu leben und sich zu benehmen haben, haben aber gerne ganz und gar enge vorstellungen davon, wie kinder sich gefälligst zu benehmen haben. menschen, die „against all authority“ auf ihren shirts spazieren tragen, aber gern sachen sagen wie „also ich finde, kindern muss man klare grenzen setzen“ oder sogar irgendwas mit „mal eins an die löffel“. auf irgendeine schräge art gilt das dann als total okay, von kindern strikt zu erwarten, dass sie die erwachsenen nicht stören. also, ausgerechnet bei den erwachsenen, die es durchaus okay finden, selbst andere erwachsene zu stören (woran erst mal nix auszusetzen ist). das muss ich nicht verstehen. selbst immer laut sein und anderen ins wort fallen, aber wenn kinder das tun das dann umgehend als „kinder nerven halt“ abzuspeichern. selbst den exzess zelebrieren, aber wehe der punkrocker wird dabei durch ein kind gestört, das „eigentlich schon ins bett gehört“… spießer ahoi.
die selbstverständlichkeit, mit der bei gemeinsamen unternehmungen mehr oder weniger erwachsener und nicht erwachsener menschen von einigen erwartet wird, dass selbstverständlich die bedürfnisse der älteren menschen vorrecht genießen sollten, kotzt mich inzwischen schlicht an.
nein, ich bin nicht blöd. mir ist schon klar, dass das mit dieser kinderkriegensollennormativität zusammenhängt, mit dem kleinfamilienmodell als keimzelle der kapitalistischen gesellschaft, dem bollwerk gegen emanzipatorischere, solidarischere, politischere lebensmodelle von gesellschaftlicher relevanz. find ich alles auch eher wenig gut, sag ich mal. und dagegen wird dann trotzig ein pauschales kinderdooffinden gesetzt. ich möchte allerdings zu bedenken geben, dass genau so, nur von der anderen seite, alle ressentiments und jede diskriminierende praxis gebaut sind. nicht die kinder sind das problem, sie sind nur ein billiger ableiter.

disclaimer: ich weiß, dass viele immer gleich total wütend werden, wenn man ihnen „unterstellt“ oder unterstellt, sie würden kinder diskriminieren, denn diskriminieren, das machen die anderen. deshalb bitte ich darum, vielleicht kurz luft zu holen und bis zehn zu zählen, bevor der erste kommentar verfasst wird – danke!

hyper hyper

•April 9, 2014 • Schreibe einen Kommentar

„mama, ist hyperaktiv ne krankheit?“ – „nö, ich glaub nicht. wie kommst du darauf?“ – „der S. hat von seiner cousine erzählt, und die ist hyperaktiv.“ (pause) „mama, ich glaub ich hab das auch ein bißchen.“ – „glaub ich auch. ich finds okay.“ – „okay.“
dann wäre das ja auch geklärt.

eiszeit

•Dezember 20, 2013 • 1 Kommentar

endlich schlägt jemand alarm – es ist, überraschung, mal wieder michael winterhoff, der zufällig, zweite überraschung, ein neues buch auf den markt geschmissen hat. nachdem er ja vor jahren schon feststellte, dass „unsere kinder tyrannen werden“, geht es jetzt wohl fröhlich in der art weiter (nein, ich habe das neue nicht gelesen, und nein, ich werde auch den teufel tun. das erste werk hat mir gereicht, vielen dank auch).
es wird auch höchste zeit, dass mal jemand alarm schlägt. dass mal jemand feststellt, wie absolut unpassend die welt für kinder ist. wie absolut unpassend kinder inzwischen ab dem ersten atemzug fit für den wettbewerb, fit zum funktionieren gemacht werden. aber ups, das ist nicht der alarm, den herr winterhoff schlägt. nicht die welt passt nicht für die kinder, die kinder passen nicht für die welt.
in einem interview mit dem schweizer tagesanzeiger stellt er die steile (aber nicht neue, ihm reicht ein gedanke ja für mehrere bücher) these auf, es komme aktuell zu einer „machtumkehr“ zwischen kindern und eltern. ich muss mich sehr wundern. da haben die gören schon die macht, und ihnen fällt damit nichts besseres ein, als für sich selbst ein system zu entwerfen, in dem sie leisten, leisten, leisten sollen? in dem problematisiert wird, wenn sie zu laut, zu leise, zu hektisch, zu verträumt sind, weil sie dann nicht abliefern können? entweder sind kinder blöder als gedacht, oder es stimmt doch irgendwie was nicht mit der theorie der machtumkehr.
dabei denkt winterhoff gelegentlich tatsächlich in die richtige richtung – mangelnde qualitätszeit zwischen eltern und kindern, weil alle den ganzen tag auf bildschirme starren, oder mangelndes heranführen können an glück, zufriedenheit und erfüllung, weil das den eltern auch nicht gelingt, das sind durchaus aspekte, da gehe ich mit ihm mit. alles andere dagegen wirft er so wild und wirr durcheinander, dass ich mich frage, ob er seine approbation in den 70ern aus einer cornflakes-packung gezogen hat. doch mal so:

was ist eigentlich entwicklung?
winterhoff bemängelt, dass kinder heute bei schuleintritt nicht mehr vier stunden lang still sitzen können. dieses entwicklungsdefizit [!] mache es ihnen unmöglich, ihr intelligenzpotenzial auszuschöpfen, weil sie so dem schulstoff nicht folgen könnten. ein kinderpsychiater hält es also für einen zentralen entwicklungsschritt des kindes, mit sechs jahren vier stunden still sitzen zu können. wow, belassen wir es mal beim wundern. vielleicht kann man als psychiater ja auch einfach im stillen kämmerlein vor sich hin psychiatern, ohne zu merken, dass in der welt um einen rum ein diskurs stattfindet. ein pädagogischer diskurs, in dem längst niemand mehr an die sinnhaftigkeit von „vier stunden stillsitzen“ glaubt. in dem längst an neuen konzepten gearbeitet wird, weil übrigens auch niemand mehr daran glaubt, dass kinder gut was lernen, nur weil sie müssen, oder dass sie etwa etwas aufnehmen – nicht: auswendig lernen; aufnehmen! – nur weil sie still dasitzen und die klappe halten. dass es ohne intrinsische motivation nix wird mit dem aufnehmen, ist doch längst eine binse. und stillsitzen ist jetzt doch eher… extrinsisch, würde ich meinen.

was wird eigentlich immer schlimmer?
winterhoff stellt sich selbst als kronzeugen für seine theorie, kinder würden zunehmend verwöhnt und deshalb missraten (er nennt es anders: „kriegen bedürfnisse umgehend erfüllt“ und „werden auffällig“) zur verfügung: seine erfahrung als kinderpsychiater zeige, dass mitte der 90er zwei kinder pro klasse „auffällig“, heute zwei pro klasse „unauffällig“ seien. auch hier staune ich über den einsam vor sich hin psychiaternden autoren – findet „gesellschaft“ in seiner analyse nicht statt? ist es nicht die gesellschaftliche umgebung, die festlegt, was als „auffällig“ gilt? verändern sich solche festlegungen nicht? hat sich nicht auch seit mitte der 90er das schulsystem extrem verändert? wurde in der zwischenzeit nicht alarm geschlagen, bundesdeutsche schülerInnen würden im internationalen vergleich abgehängt? wurden nicht die lernkontrollen verschärft, G8 eingeführt, die panik unter den eltern geschürt, man müsse rechtzeitig anfangen mit „fördern und fordern“, damit aus dem nachwuchs was wird? steuert nicht der komplette „bologna-prozess“ darauf zu, in möglichst kurzer zeit möglichst „leistungsfähige“ menschen herzurichten? ist nicht die norm, von der abzuweichen einem karriereselbstmord gleich kommt, immer enger geworden? wenn ich im geiste meine klassenkameraden der grundschule in den 70ern durchgehe, kommen mir bei mindestens der hälfte berechtigte zweifel, ob die nicht heutzutage auch ein „notfallprogramm“ durchlaufen müssten.
und ja, tatsächlich, da macht herr winterhoff einen punkt: viele eltern scheinen mit reflexhafter wunscherfüllung etwas zu kompensieren. da bin ich dabei. ich denke, sie kompensieren damit, dass sie sehen, dass ihre kinder es auf der anderen seite – da, wo winterhoff sie gern vier stunden still sitzen sehen will – unangebracht schwer haben; sie kompensieren, dass räume, in denen kinder einfach „kind sein dürfen“ inzwischen auf ein minimum reduziert sind.

was ist eigentlich „auf augenhöhe“?
und hier wird es gänzlich konfus. das allein vor sich hin psychiatern führt bei winterhoff dann auch dazu, dass er letzten endes dann alles durcheinanderwirft:

Geht es nicht darum, dass Begriffe wie Autorität und Hierarchie heute als negativ empfunden werden?
Natürlich. Das Problem ist, dass sich alle im Kind sehen. Und die irrige Vorstellung haben, sie müssten dem Kind wie einem Partner auf Augenhöhe nur lange genug alles erklären, dann würde es schon mitmachen. Aber das funktioniert nicht, weil man so dem Kind Erwachseneneigenschaften abverlangt. Und genau die kann es entwicklungspsychologisch gar nicht haben.

ging es also vorhergehend darum, dass eltern unreflektiert ihren kindern alle wünsche erfüllen, ist für ihn das auf einmal eine „partnerschaft auf augenhöhe“. ich weiß ja nicht, wie es in anderen partnerschaften auf augenhöhe so ist, aber in meinen erfülle ich den partnern auf augenhöhe keineswegs unreflektiert jeden wunsch. eine partnerschaft auf augenhöhe bedeutet nicht, keine persönlichen grenzen zu haben, bedeutet nicht, sich dem partner nicht zuzuwenden und diesen mangel oder diese unfähigkeit durch wunscherfüllung zu kompensieren. und auch meine erwachsenen partner auf augenhöhe machen leider nicht alles mit, nur weil ich es ihnen lang genug erkläre. im gegenteil – gerade partnerschaften auf augenhöhe verlangen allen beteiligten viel ab: da muss diskutiert und verhandelt werden, da müssen persönliche grenzen klar gemacht, eigene interessen gegen die anderer abgewogen werden. und das können viele erwachsene nicht oder nur mühsam, weil sie sich außerhalb eines klar hierarchischen systems unsicher fühlen und sich deshalb lieber darin flüchten, autoritäre ansagen bekommen zu wollen. ist zwar unangenehm, aber einfacher. warum das gegenteil von bedingungsloser wunscherfüllung also autoritäres verhalten sein soll, wird für immer winterhoffs geheimnis bleiben. und warum autorität und hierarchie grundsätzlich etwas gutes sein sollen, wird auch der tagesanzeiger nicht so leicht erklären können. wir brauchen mehr partnerschaften auf augenhöhe, wir brauchen mehr gespräch und austausch, und wir brauchen mehr beziehung. mit reflexhafter wunscherfüllung hat das nichts zu tun. und irgendwo zwischen seinen verschwurbelten zeilen hätte winterhoff das auch selbst lesen könnnen.

so bleibt zum schluss nur die hoffnung, dass winterhoff sich jetzt wieder in seinen DeLorean setzt, der ihn zurück in sein jahrhundert bringt, in dem er weiterhin im stillen vor sich hin psychiatert – mit betonung auf „im stillen“.

alles so schön bunt hier.

•November 3, 2013 • 2 Kommentare

vorab: shame on me. multiple gründe haben mich blogfaul gemacht. ich bessere mich, versprochen.

ich ziehe einen konsumfreak groß. ich schrieb ja bereits schon einmal über seine waffenleidenschaft – aber natürlich belässt er es nicht dabei, alles an billigem plastik mit militaristischem hintergrund aus dem woolworth nach hause zu schleppen. da müssen ja mindestens noch star-wars-karten gesammelt, lego ninjago-kram gekauft und ein vermögen in süßigkeiten umgesetzt werden. die frage „wann krieg ich wieder taschengeld?“ wird rituell wiederholt, die anschließenden kaufräusche sind deutliche höhepunkte seines ohnehin spaßreichen lebens, und so bleibt es nicht aus, dass seine kauferei mich auch beschäftigt. und das gleich in mehrfacher hinsicht:

großes geld, kleine pfoten

mit eintritt des kindes in seine schule hatte ich einige vermeintliche kröten zu schlucken, so zum beispiel die mit dem taschengeld. ein euro pro kind pro tag, das gehört dazu. und während ich beim ersten mal, als ich davon hörte, spontan dachte „die spinnen doch“, bin ich heute tatsächlich in der frage geläutert.

warum ich dachte, dass „die“ spinnen? ich fand es zu viel. und ich fand das ungerecht. im ernst: ein dreijähriger mit 30 euro im monat? wie lernt er den wert des geldes zu schätzen? wie kann ich das rechtfertigen im rahmen einer gesellschaft, in der einer die hartz IV-regelsätze die tränen in die augen treiben? wie soll ein 13jähriger das finden, dass der 3jährige genau so viel bekommt? hat der 3jährige nicht viel geringere bedürfnisse?

inzwischen kann ich mich locker machen. yep, es gibt sie, die anekdoten über die 3jährigen, die den euro nehmen, wegschmeißen und dann achselzuckend sagen „morgen krieg ich ja wieder einen.“ das machen sie aber nur so lange, bis sie erkennen, dass das genau ein päckchen star-wars-karten war, das sie da in den rinnstein geworfen haben, und das schmerzt rückblickend irgendwann schon.

für einen 13jährigen sind 30 euro im monat ein schönes taschengeld – warum sollte es ihn stören, wenn die kleinen genau so viel bekommen? sein geld wird dadurch nicht weniger, dass ein anderer genauso viel bekommt. es eröffnet ganz andere möglichkeiten für den handel mit- (oder gegen-…)einander, wenn alle die selben voraussetzungen haben. es gibt jedem und jeder die möglichkeit, gleichermaßen großzügig oder geizig zu sein. und der hohe betrag? der entlastet mich. ich kann nicht zählen, wie häufig ich jetzt einfach auf das taschengeld verweisen kann, wenn ansonsten an allem möglichen gequengelt wurde. es ist doch so: kaufen kann ich ihm nicht alles, was er will. mir auch nicht. jeder von uns muss mit einer bestimmten menge geld haushalten – er mit seiner, ich mit meiner. dass ein geldbeutel eben kein fass ohne boden ist merkt er genau dann, wenn er geld bekommt, das auch irgendwann einmal zu ende ist, und nicht, wenn er keins bekommt, aber mit ordentlicher nörgelei eigentlich doch immer einiges geht – nach völlig undurchschaubaren regeln. manchmal will man eben einfach, dass das nörgeln aufhört; das kann ich nachvollziehen – besser ist anders.

natürlich hat er meistens kein taschengeld mehr genau wenn er das ultimative spiderman-heft mit dem ultimativen plastikschleuder-gimmick entdeckt. das ist bitter, aber im ernst? so geht es mir fast jeden tag. mich brüllen ständig sachen an „kauf mich“. und mir ist lieber, die verantwortung dafür, wieviel geld das kind gerade noch zum verschleudern zur verfügung hat, liegt bei ihm, und nicht bei mir. ich mag ihn nicht im ungewissen lassen: was kann er aus mir rausquengeln? ist das wirklich zu teuer für uns, oder will ich es ihm nur nicht kaufen? ich mag ihn nicht meiner laune ausliefern – er soll seinen scheiß kaufen können, egal ob es mir gerade passt oder nicht, ob wir gerade gestritten haben oder uns mit luftküssen überschütten. ihm die freiheit des eigenen geldes zu geben macht mich auch freier. und auch deshalb muss es ein vernünftiger betrag sein, mit dem sich – rein theoretisch… – auch „was ordentliches“ kaufen lassen könnte. und ich vermute inzwischen, dass wenn andere eltern sauber zusammenrechnen würden, was an kleinen spielsachen oder süßigkeiten bei ihnen so zusammenkommt, wir mit 30 euro nicht schlecht wegkommen – wir überlassen es eben nur ihm, wann und wofür er es ausgibt, und nicht unserer gönnerhaftigkeit.

und immer so viel scheiß

yep, er ist schon mit schlechten genen geschlagen. sein vater kauft gerne euphorisch jacken, die er dann „zu den anderen“ hängt. ich kaufe gern plastikdekogegenstände aus asien mit großen augen, die tickticktick machen oder die farbe wechseln und nach zwei wochen kaputt sind. tief durchatmen muss ich trotzdem noch, wenn er mir seine nächsten pläne offenbart. er hat sich gewünscht, dass wir ihm das geld vierzehntägig geben – was nicht etwa dazu führt, dass dann in hochwertige ware investiert wird. „wann krieg ich wieder taschengeld?“ – „am mittwoch.“ – „gut. ich will mir vierzehn päckchen star-wars-karten kaufen.“ immerhin, zwei wochen haben vierzehn tage, pardon, euro. ich ertappe mich dabei, dass mich die rechenleistung schon mal freut. „kauf dir doch nur fünf, dann hast du noch geld übrig, das sind doch auch viele“, ich kann es nicht lassen. „aber mit neun euro lohnt es sich nicht, in den rewe zu gehen.“ (hey, neun, tatsächlich. war das ein glückstreffer?) okay. für 14 euro chips im rewe zu kaufen ist die einzig sinnvolle alternative zu star-wars-karten, das hatte ich vergessen. ausgenommen die zeiten, in denen eine star-wars-edition fertig gesammelt und die neue noch nicht auf dem markt ist; da lässt sich auch gut der süßigkeitenautomat leerziehen. vor dem frühstück natürlich, damit jedeR in der bahn sehen kann, dass die dämliche mutter keine ahnung von gesunder ernährung hat. „wuhlie“ würde auch gehen, aber das würde voraussetzen, dass von dem morgens ausgezahlten geld am nachmittag noch was übrig ist, denn in schulnähe gibt es keinen.

aber tatsächlich: während ich mich oft dabei ertappe, mein geld falsch ausgegeben zu haben, passiert ihm das nie. er ist stets hoch zufrieden mit seinen finanziellen entscheidungen. meine vorstellung von „scheiß“ bedarf offensichtlich einer revision. schließlich liegt „scheiß“ im auge des betrachters, und sein taschengeld macht meine beurteilung seiner käufe egal – im gegensatz zum quengel-modell. da bin ich herrscherin, höchste instanz, weil die mit dem geldbeutel.

disclaimer: ich weiß, dass es für viele familien ein problem ist, dem kind 30 euro im monat in die hand zu drücken, und das finde ich grauslich. scheiß kapitalismus. ich möchte hier eher die leute etwas anstupsen, die, wenn sie mal sauber drüberrechnen, feststellen müssen, dass ein solcher oder ähnlicher betrag auf irgendeine art und weise über die teile-und-herrsche-methode ohnehin ans kind kommt – und die sich vielleicht einen schubs geben können, den teil mit dem herrschen einfach aus diesem geldtransfer rauszunehmen😉

(*wg. oben erwähnter blogfaulheit ist dieser stand schon etwas älter, und ich kann noch ergänzen: inzwischen hat er sich tatsächlich ein sauteueres gerät zusammengespart, und zwar eisern. mir liegt die kinnlade immer noch auf dem tisch, ich schaffe so etwas nicht…)

weniger klug.

•Dezember 17, 2012 • 7 Kommentare

der trichter, der top-down wissen ins kind stopft, ist passé. jahrelange forschungsergebnisse dazu, welches wissen wie in den menschen kommt und warum – stichwort „ich lerne was mich interessiert“ – sind längst allgemein bekannt. dachte ich. und jetzt? „Frontalunterricht macht klug“, erklärt uns Inge Kloepfer in der FAZ. ups, dann haben sich wohl viele schlimm geirrt, die letzten jahrzehnte pädagogischer auseinandersetzung ums lernen waren alle für die katz, und ich muss mein erschüttertes weltbild neu formen. nun ja, müsste ich vielleicht, wenn dieser artikel nicht so unglaublich flach wäre.

aber mal die lesebrille ausgepackt: „Problemorientierter oder offener Unterricht – die ganze moderne Pädagogik stiftet wenig Nutzen. Am besten ist noch immer moderner Frontalunterricht, fanden Forscher heraus.“ der antext fasst schön zusammen und macht hoffnung: endlich mal schluss mit der diskutiererei, hugh, die wissenschaft hat gesprochen. „forscher“ sagen, frontalunterricht sei „am besten“. am besten wofür, das erfahren wir nun leider bis zum ende des artikels nicht. dort finde ich: frontalunterricht stiftet „nutzen“(welchen?), kinder lernen damit „am besten“ (was?), er „bringt mehr“ (was?), „produziert gute resultate“ (auf welchem gebiet?) und… wir nähern uns langsam… „steigert schülerleistung“. und an dieser stelle wird offensichtlich, wie völlig sinnlos ein solcher beitrag ist, wenn in ihm nicht ein einziges mal überhaupt die frage gestellt wird, was schülerInnen denn lernen sollten, welche art leistung gewünscht und abgefragt wird, was das ziel von schule und lernen überhaupt sein soll. an manchen stellen blitzt es durch – so zum beispiel, wenn Michael Felten zitiert wird mit „Die Schüler müssen ganz klar wissen, was der Lehrer will.“

sorry, mein fehler. ich dachte, es ginge hier um einen beitrag zu einer debatte auf höhe der zeit. in der man längst von schule erwartet, dass sie keine paukanstalt ist, in der kurzfristig wissen in menschen gestopft wird, um sie dann rechtzeitig bei „leistungsvergleichstests“ abzurufen. in der man von schule erhofft, dass sie den schülerInnen wege der problemlösung näher bringt, weil das nachhaltiger ist, als „333 – bei Issos Keilerei“ zu hören, zu merken und abzurufen. in der schule auf situationen vorbereiten soll, die durch selbstständiges denken und handeln gelöst werden müssen – auf das echte leben eben. mir hat der 333-merkspruch bislang nicht einen guten dienst erwiesen (abgesehen davon, dass ich ihn hier als schönes beispiel idiotischen schulwissens nennen kann). in anderem licht betrachtet sind die forschungsergebnisse in sich natürlich konsistent: solange schulische „leistung“ nach wie vor interpretiert wird als kurz- bis mittelfristige wissensakkumulation, die zum passenden zeitpunkt abgerufen werden kann, solange ist sicher frontalunterricht das mittel der wahl, oder auch der „gute lehrer als welterklärer“, wie die autorin positiv umdeutet. die schulung selbstständigen denkens kollidiert selbstverständlich mit „lernzielen“, die wie seit jahrhunderten darin bestehen, wissen abzufragen. hier wird einfach die problemlage verkehrt, dabei haben es reformpädagogische ansätze doch deshalb schwer, weil die veränderung der vorstellung, welche „ergebnisse“ letzten endes schule zeitigen soll, nicht mit ihnen schritt halten kann.

so kann man also letzten endes entweder an den gewünschten ergebnissen von schule konstruktiv arbeiten, oder feststellen, dass der bisherige leistungsbegriff offensichtlich nicht reformierbar ist und wir deshalb wieder zurück müssen ins zeitalter des frontalunterrichts. und selbst wenn man dann so oft wie möglich „forscher“, „untersuchung“, „bildungsökonomen“, „analyse“ und „empirie“ in einen beitrag steckt – das nimmt ihm nicht seine rückwärtsgewandtheit.

übrigens: dass diese abrufbare „leistung“ erbringen zu können dasselbe sein solle wie „klug“, behauptet zum glück selbst von den zitierten niemand. diese interpretation der forschungsergebnisse, wie sie in der überschrift nahe gelegt wird, dürfte auf dem persönlichen ideologischen  ̶m̶̶i̶̶s̶̶t̶ nährboden der autorin gewachsen sein und ist, mit verlaub, dann doch auch eher weniger klug.


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